Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (9 (1919))

Die Wirkungen der Kaiserweihe nach dem Sachsenspiegel. 3

angestellte scharfsinnige Überlegung. Es erscheint nämlich
ausgeschlossen, daß diese Worte überhaupt von Eike von
Repgau herrühren, weil sie mit der programmatischen Dar-
legung des Verhältnisses zwischen kaiserlicher und päpst-
licher Gewalt im 1. Artikel des 1. Buchs in krassem Wider-
spruch stehen, wie uns noch klarer zum Bewußtsein kommen
wird, wenn wir die parallelen Aussprüche der Kanonisteii
kennenlernen werden.1) Aus dieser Überlegung heraus
erkennen wir die fraglichen Worte mit Sicherheit als einen
späteren, nicht von Eike herrührenden Zusatz. Diese Er-
kenntnis aber bestärkt die Annahme, daß wir inderQued-
linburger Handschrift tatsächlich den ältesten,
auf Eike zurückgehenden Text des Sachsenspiegels
vor uns haben.2)
Eine Bestätigung findet unsere Auslegung durch eine
Betrachtung der Behandlung, welche die gleiche Frage un-
mittelbar nach dem Sachsenspiegel, unter seinem Einfluß
gefunden hat.
§ 2. Der Standpunkt der anderen Rechtsbücher
und der Glosse.
Unter den Rechtsbüchern zeigt sich ein wichtiger Un-
terschied. Auf sächsischer Erde hat sich die Fas-
sung der Quedlinburger Handschrift, im übrigen
x) Vgl. unten SS. 18«.
2) Zeumer hat in dem in der Brunner-Festschrift (1910) ver-
öffentlichten Aufsatz: Die sächsische Weltchronik ein Werk Eikes von
Repgau auf zwei Stellen aufmerksam gemacht, welche seines Erachtens
einen deutlichen Anklang an die von uns erörterte Sachsenspiegelstelle
zeigen. Die beiden Stellen lauten: Den (Heinrich VI.) wiede de paves
Celestinus to keisere (c. 336); De koning Vrederic (II) ward gewiet to
Rome to keisere von dem pavese Honorio, unde sin sone ward gewiet
to koninge to Aken (c. 361). Der Anklang soll nicht geleugnet werden,
aber für unsere Auslegung des Sachsenspiegels können die zitierten
Stellen nicht verwertet werden: die Auffassung, daß sich die staatsrecht-
liche Wirkung der Weihe auf die Übertragung des Titels beschränkt,
kommt in ihnen nicht zum Ausdruck, ist aber mit ihrer Formulierung
immerhin vereinbar. Sie nötigen uns wenigstens nicht zu der Annahme,
daß Eike, nachdem er Geistlicher geworden war, die staatsrechtliche
Folgerung preisgab, die der Sachsenspiegel aus der theoretischen Fest-
legung des Verhältnisses der beiden höchsten Gewalten gezogen hatte,
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