Full text: Volume (9 (1919))

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Kanonistische Chronik.

Feld der kirchlichen Rechtsgeschichte bestellt, und immer werde»
die beiden stattlichen Bände der „Geschichte des deutschen Kirchen-
rechts“ (1878) sein Andenken wach erhalten. Als Ziel schwebte ihm.
vor, die geschichtliche Entwicklung derjenigen Rechtsnormen darzu-
legen, welche die Verhältnisse der kirchlichen Gemeinschaften in und
zu dem deutschen Staate regelten. Er schilderte die allgemeinen Grund-
lagen und die Geschichte des Kirchenrechts in Gallien bis zur Staaten-
gründung Chlodowechs, im zweiten Bande sodann das Kirchenrecht im
Reiche der Merowinger, ohne daß die geplante Fortsetzung — der dritte
Band des ganzen Werkes sollte die Betrachtung bis zur Mitte des
12. Jahrhunderts führen — noch erschienen wäre. Durchsichtig im
Aufbau und leichtflüssig in der Form, hin und wieder etwas breit,
zeichnet sich das Werk durch ausgedehnte Kenntnis der Quellen und
Literatur aus, bringt es vornehmlich im zweiten Bande neue und durch-
greifende Ergebnisse, die noch heute zu recht bestehen, darunter den
Nachweis von der Verdrängung der päpstlichen Regierungsgewalt über
die Kirche in Gallien, von der Energie der königlichen Rechte über
die fränkische Landeskirche, die gleichwohl im Stande blieb, ihr inneres
Leben von sich aus zu bestimmen. Loenings Lehre, daß die karolin-
gische Zeit eine entschiedene Richtung auf die Identifizierung von
Staat und Kirche nahm, daß dagegen die Scheidung beider Gebiete
den Grundgedanken des merowingischen Kirchenrechts gebildet habe,
bewährte sich als tragfähig, während er die fundamentale Bedeutung
des Grundeigentums und seine Wirkungen auf das kirchliche Rechts-
leben nur streifte, ohne darin die entscheidende Triebkraft für seine
Ausgestaltung zu erkennen. Nur selten hat später Loening zu noch
anderen Problemen unserer Wissenschaft das Wort ergriffen, so in dem
mehr zusammenfassenden als neue Wege weisenden Buche über die
Gemeinde Verfassung des Urchristentums (1888), in einem Aufsatze über
die Entstehung der Schenkungsurkunde Constantins (1891) und schliefi--
lich in einem ausführlichen Gutachten über die Rechtsstellung der
Orden und ordensähnlichen Kongregationen der katholischen Kirche nach
staatlichem Recht (1903). Bis an sein Lebensende begleitete er die
kirchenrechtliche Forschung mit aufmerksamer Anteilnahme, um so
mehr als seine Gutachtertätigkeit ihn oft genug zu Fragen führte, deren
Klärung rechtsgeschichtliche Untersuchung forderte. Dem Schreiber
dieser Zeilen spendete er jederzeit gern aus dem reichen Schatze seines
vielseitigen Wissens, immer zu Auskunft und Unterstützung bereit, so
oft gleich der Jüngere ihrer bedurfte. Dankbaren Sinnes erinnern
wir uns der Förderung eigener Versuche, seitdem wir vor nunmehr
fast einem Menschenalter zum ersten Male Loenings Geschichte des
deutschen Kirchenrechts lasen: sie ergänzte die Einsichten, die G. Waitz,
R. Sohm und H. Brunner vermittelt hatten, und sicher wird sie in der
Geschichte unserer Wissenschaft immerdar einen ehrenvollen Platz
behaupten, nicht zuletzt auch deshalb weil an sie neue Erkenntnisse
anknüpfen konnten, um das Wesen der fränkischen Zeit und ihrer
Schöpfungen noch schärfer erfassen zu lernen.

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