Full text: Volume (9 (1919))

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Literatur.

der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts stammt, enthält die Pflicht
zur visitatio, die sich fortan in erster Linie auf diesen Eid gründete.
Über den Kreis der Erzbischöfe hinaus wurde die Visitationspflicht
ausgedehnt dadurch, daß den Ordinarien, die zur Konsekration nach *
Rom kamen, der Eid der römischen Suffragane abgenommen wurde,
der die Visitationspflicht enthielt. Etwas verwickelter gestaltete sich
die Heranziehung auch der Äbte, worauf hier indes nicht weiter ein-
gegangen werden kann. So kam es dahin, daß schon zu Anfang des
13. Jahrhunderts die visitatio auch der Ordinarien und der Äbte fest-
stehender Brauch geworden war. —
Die Weiterentwicklung bis zur Gegenwart, die der Verfasser gleich-
falls eingehend darstellt, kann hier nicht weiter verfolgt werden. Es
leuchtet ohne weiteres ein, daß ein Institut, das wie kaum ein anderes
zur Aufrechterhaltung der päpstlichen Autorität bestimmt war, in seiner
praktischen Durchführung von den jeweils herrschenden Machtverhält-
nissen in der Kirche in besonderem Maße abhängig sein mußte. Die
Entwicklung spiegelt nur die Gesamtentwicklung in der Kirche wieder,
wobei allerdings hervorzuheben ist, daß die allgemeine rechtliche Ver-
pflichtung zur Visitation als solche verhältnismäßig selten in Zweifel
gezogen wurde.
Die erste gesetzliche und umfassende Regelung fand das Institut in der
Bulle ,,Romanus Pontifex" Sixtus’ V. vom 20. Dezember 1585, die in den
Grundzügen die bestehende Übung bestätigte, sie aberin vielen Einzelheiten
ausbaute, dabei freilich ihrerseits durch unklare Fassung zu zahlreichen
Zweifeln Anlaß gebend. Die letzte Regelung vor dem Codex geschah
dann durch Pius X. in der Konstitution: ,,A remotissima" vom 31. De-
zember 1909. Manches wurde verbessert, Zweifel beseitigt und das
Ganze auf eine feste klare Basis gestellt, aber die Grundzüge sind ge-
blieben. Der Verfasser widmet dem danach geltenden Rechtszustande
eine ziemlich eingehende Darstellung. Diese Darstellung ist durch den
inzwischen geschehenen Erlaß des Codex iuris canonici nicht überholt,
denn der Codex hat die Bestimmungen der Konstitution sachlich ganz,
wörtlich fast ganz übernommen (Canon 340ff.). —
Allen, die sich über die interessante und wichtige Frage unter-
richten wollen, kann die Abhandlung nur empfohlen werden. Sachlich
klar und scharf zeichnet sie sich durch einen flüssigen durchsichtigen
Stil und eine anerkennenswerte Geschicklichkeit in der äußeren Dar-
stellung aus. Sie gehört zu den erfreulichsten Erscheinungen der kano-
nistischen Literatur in den letzten Jahren.
Berlin-Steglitz.

Ernst Martens.

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