Volltext: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (9 (1919))

Miszellen.

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In der Hauptsache jedoch gilt Harnacks Untersuchung dem von
ihm behaupteten Dualismus und, wenn man so sagen will, Widerstreit
der diakonalen und der presbyteralen Organisation. Diesen hatte er im
Anschluß an Edwin Hatch bereits in der von ihm besorgten und
mit Exkursen versehenen „Gesellschaftsverfassung der christlichen
Kirchen im Alterthum«, Gießen 1883 S. 229 ff. für die ganze alte Kirche
vertreten; zwei erst später kombinierte Gruppen oder Organisationen
hätten sich ursprünglich gegenübergestanden, die Leitenden, die Pres-
byter, mit den Geleiteten, den Laien, als Gegensatz und die Verwalten-
den (für Armenpflege, Kultus, Korrespondenz, Ökonomie im weitesten
Sinn), die Episkopen und Diakonen. Die Presbyter würden überhaupt
in ältester Zeit immer nur als Kollegium erwähnt. Die späteren Pres-
byter-Episkopen aber hätten noch länger zwei Würden und doppelte
Funktionen in sich vereinigt. Besonders erprobe sich diese Erkenntnis
an der Geschichte des Diakonats; der Diakonat sei noch geraume Zeit
mit dem Episkopat durch auffällige Affinität verbunden gewesen, und
namentlich sei einer der Diakonen, der spätere Archidiakon, mit dem
Bischof trotz seines niedrigeren Weihegrades über die Presbyter empor-
gestiegen. Und weiter erklärten sich so die Rivalitätsstreitigkeiten,
in welche die Diakonen nicht selten mit den Presbytern geraten seien.
So die sogenannte Hatch-Harnacksehe Hypothese, die zunächst großes
Aufsehen erregte, aber im Verlaufe der wissenschaftlichen Erörterung
wieder mehr zurücktrat. Harnack bemerkt selbst, in der seitherigen
kirchengeschichtlichen und kirchenrechtlichen Literatur sei „der ver-
waltungsmäßige und rechtliche Tatbestand der Doppelorganisation und
der selbständigen Bedeutung der diakonalen . . noch nicht überall zu
seinem Rechte gekommen.« „Auch hier zeigt es sich wieder, wie
schwer es hält, sich auf ein älteres geschichtliches Bild einzustellen,
wenn die Faktoren und Namen geblieben, aber neue Kombinationen
eingetreten sind.44 Harnack will nunmehr die alte Ansicht durch
neue Beobachtungen und Gesichtspunkte stützen und namentlich zeigen,
daß, während in der großen Mehrzahl der Kirchen die Verschmelzung
beider Organisationen sehr früh eintrat, und zwar so, daß die diakonale
Organisation als selbständige neben der episkopal-presbyteralen ver-
kümmerte und verschwand, wodurch die Diakonen zu kultischen und
ökonomischen „ministri*4 im eigentlichen Sinne des Wortes wurden, die
römische Kirche die Unterscheidung und die Selbständigkeit der
diakonalen Organisation und ihrer Träger sehr lange Zeit hindurch
festhielt, ja noch heute in der Unterscheidung von Kardinalpresbytern
und Kardinaldiakonen eine Erinnerung an den alten Zustand besitzt.
So viel ich sehe, sind es in der Hauptsache drei Belege, auf die
Harnack seine Ausführungen auf baut.
Der erste betrifft die älteste Zeit und ist dem Hirten des Hermas
entnommen (Vis. II 4): „Hermas, der eine Offenbarung in schriftlicher
Form erhalten hat, wird von der ihm in der Gestalt einer alten Frau
erscheinenden ,Kirche4 gefragt, ob er schon das Büchlein den Presbytern
gegeben habe; er verneint es. Hierauf trifft die Frau folgende An*

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