Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (9 (1919))

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Karl Gottfried Hugelmann,

Rechtsbuch nach Distinktionen ein weiterer Beleg für das
zähe Fortleben der älteren Fassung des Sachsenspiegels auf
sächsischer Erde. Aber mehr als dies zeigt sie bestimmt,
daß unsere Stelle etwa ein Jahrhundert nach ihrer Ent-
stehung auf sächsischer Erde so verstanden wurde, wie wir
sie auslegen, was eine sehr beachtenswerte Bestätigung dieser
Auslegung bildet. Schließlich ist wohl zu beachten, daß wir
hier bereits — in der Glosse zum Sachsenspiegel — der
vielzitierten, insbesondere, wie wir noch sehen werden, von
Ludwig dem Bayern und seinen Anhängern als Waffe be-
nützten x) und auch heute wiederholt erörterten Stelle aus der
glossa ordinaria zum Gratianischen Dekret begegnen, ein
erster Fingerzeig dafür, daß die Lehre des Sachsenspiegels
in unserer Auslegung auch innerhalb des kanonischen Rechts
an verwandte Gedankengänge anknüpfen konnte.
Alles in allem kehrt ganz dasselbe Verhältnis wieder
wie bei der Behandlung des ungerechten Bannes, die wir
auch verschieden gefunden haben auf sächsischer Erde und
anderwärts.* 2) Und wieder könnte hier dasselbe Bedenken
gegen die Wertung der nichtsächsischen Rechtsbücher er-
hoben werden, mit welchem wir uns dort auseinandersetzen
mußten. Auch dieser Artikel fehlt nämlich unter den von
Kienkok bekämpften und von Gregor XI. im Jahre 1374
die drei konstituierenden Elemente des Kaisertums. In beiden Fällen
würde die von Stengel angerufene Stelle noch mehr entwertet.
Mag dem aber sein, wie immer, daran, daß die von uns im Text heran-
gezogene Stelle an die Fassung der Quedlinburger Handschrift anknüpft,
kann füglich nicht gezweifelt werden, und für das Fortleben dieser
älteren Fassung des Sachsenspiegels auf sächsischer Erde bleibt sie
ein Beweis.
x) Vgl. unten S. 51.
2) Vgl. die Ausführungen im vorletzten Band SS. 41 f., 53 ff. Hiezu
muß ich allerdings richtigstellen, daß die von mir dort verwertete Stelle
des Weichbilds nicht dessen älterer Fassung angehört, sondern erst aus
dem Rechtsbuch von der Gerichtsverfassung in die jüngere Fassung des
Weichbilds übernommen wurde (Eichmann, Historisches Jahrbuch
XXXVIII SS. 742). Ich gebe zu, daß durch diese Feststellung der Beweis-
wert der Stelle gemindert wird, keineswegs aber, daß sie ihren Beweis-
wert eingebüßt hat: den Sprachgebrauch von „mit rechte“ und das Fort-
leben des Rechtssatzes des Sachsenspiegels in meiner Auslegung auf
sächsischer Erde tut sie nach wie vor dar.

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