Full text: Volume (6 (1916))

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Literatur.

Staat schuf und im Zusammenhang damit den engen Anschluß an den
römischen Stuhl herbeiführte. Diese Wendung wurde dem Hermesianis-
mus verhängnisvoll, dessen Anhänger zwar nicht offen der universal -
episkopalistischen und infallibilistischen Doktrin entgegentraten, aber ihr
im Wege standen, da sie an den alten episkopalistisch orientierten Über-
lieferungen festhielten.
Der bisher herkömmlichen Zurückführung dieser Ansätze einer papa-
listischen Bewegung in Deutschland aus dem französischen Lager stellt
Vi gener die Behauptung entgegen, daß sie in erster Linie von Italien
aus und zwar direkt durch die Kurie die entscheidenden Anregungen
empfangen hat. Es handelt sich hier um den Anteil, der dem Papst
Gregor XVI. an dieser Entwicklung zugesprochen werden muß. Dabei
kommt nicht nur seine Enzyklika „Mirari vos" von 1832 in Betracht,
sondern vor allem seine, merkwürdigerweise ganz in Vergessenheit ge-
ratene, Schrift über „Triumph des heiligen Stuhles und der Kircha
über die Neueren", die von ihm 1799 veröffentlicht wurde, als er noch
Kamaldulenser in Rom war, und die Gedanken vertritt, die später auf dem
Vaticanum zur Anerkennung gelangt sind. Nach ihrem Erscheinen offen-
bar wenig beachtet und von de Maistres Schriften in Schatten gestellt,
wurde sie eine die Aufmerksamkeit sich erzwingende Programmschrift,
als der Verfasser in die Reihe der Nachfolger des Petrus einrückte und
die Neuherausgabe herbeiführte. Nachdem sie bald durch Übersetzungen
dem deutschen Publikum zugänglich geworden war, haben der „Katholik",
der Jesuit Perrone durch seine Dogmatik und G. Phillips durch sein Kirchen-
recht für die Verbreitung der gregorianischen Ideen Sorge getragen.
Es wird Vigener im Hinblick auf die von ihm gegebenen Nach-
weise zuzugeben sein, daß unter den Faktoren, die auf die Entwicklung
des Papalismus in Deutschland eingewirkt haben, der Einfluß Gre-
gors XVI. ganz anders als es früher geschehen ist in Rechnung zu stellen
sein wird. Dagegen scheint mir der Beweis dafür, daß „die ersten be-
deutenden Ansätze einer erfolgreichen Propagierung des geschlossen papa-
listischen Kirchenbegriffs sich im damaligen Deutschland, also nicht so
unter französischem, wie vielmehr italienischem, römischem, päpstlichem
Einfluß vollzogen haben", nicht erbracht zu sein. Schon der Umstand,
daß diese kuriale Einwirkung erst 1832 beginnen konnte, also zu einem
Zeitpunkt, als der Prozeß der Ultramontanisierung der Kirche bereits
längst eingesetzt hatte, spricht dagegen, die Schlußfolgerungen aus Gre-
gors XVI. Eingreifen so hoch zu bewerten, wie es durch den Verfasser
geschieht.
Ich möchte nicht unterlassen, an dieser Stelle auf die Abhandlung
Vigeners über „Ketteier und das Vaticanum" in den „Forschungen und
Versuche zur Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit, Festschrift
für Dietrich Schäfer" (Jena 1915) S. 652—746 hinzuweisen, die sich mit
dem hier verhandelten Gegenstand berührt. Die von Vigener in Aus-
sicht gestellte Biographie Kettelers wird Gelegenheit geben, zu den hier
gegebenen Ausführungen Stellung zu nehmen.
Göttingen. Carl Mirbt.

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