Full text: Volume (6 (1916))

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Literatur.

ständnis zu rechnen haben. Bei unserer von wissenschaftlichen Er-
wägungen ausgehenden Kritik könnten solche mehr den Geist polemi-
sierender Journalistik als ruhiger Wissenschaftlichkeit atmende Aus-
lassungen füglich außer Betracht bleiben, wenn sie inhaltlich unanfechtbar
wären. Das sind sie aber keinesfalls.
Vereinzelte Mißgriffe kirchlicher Behörden, die F. im Auge haben
mag, können nicht das Verdikt rechtfertigen, das er über die gegenwärtige
Gestaltung der geistlichen Strafrechtshandhabung fällt (S. 13).
Die Schilderung, die er (S. 30 Anm. 2) von dem „eigenmächtigen
Vorgehen" des preußischen Wahlkommissars bei der Wahl des Dom-
dechanten Dr. Schneider zum Bischof von Paderborn mit der Sicher-
heit des Wissenden entwirft, ist unterdessen durch die Erklärungen der
noch lebenden Mitglieder des damaligen Paderborner Wahlkollegiums
und durch eine auf Bitte des Domkapitels nach eingehender Prüfung der
einschlägigen Ministerialakten ergangene Verlautbarung des Kultusmini-
steriums als falsch zurückgewiesen worden; vgl. Köln. Volkszeitung
Nr. 437, 30. Mai 1916. Jedenfalls entspricht es nicht den Gesetzen wissen-
schaftlicher Arbeit, in einer so delikaten, Kirche und Staat gleichmäßig
berührenden Angelegenheit beide Teile in einer das konkordatsmäßig fest-
gelegte Recht so flagrant verletzenden Rolle der Öffentlichkeit vor zu-
führen, ohne quellenmäßige Unterlagen dafür beibringen zu können.
Das bekannte Schreiben „Ad notitiam Sanctae Sedis perve-
nit", das Kardinalstaatssekretär Rampolla am 20. Juli 1900, also kurz
nach der am 10. Mai desselben Jahres getätigten Paderborner Bischofs-
wähl, an die deutschen Bischöfe bzw. Domkapitel richtete, glaubt F.
durch die genannte Wahl Schneiders für Paderborn bzw. durch die etwas
weiter zurückliegende Wahl Simars zum Erzbischöfe von Köln (24. Ok-
tober 1899)i) direkt veranlaßt (S. 30). Er vermehrt damit die Zahl der
Vermutungen über die Entstehungsursache des genannten Erlasses, ohne
für seine Ansicht einen andern Beweis erbringen zu können, als das:
i) Von dieser Kölner Wahl sagt Freisen S. 30 Anm. 2, bei ihr sei
„Fischer (Nachfolger Simars) der Mehrheitskandidat des Kapitels“ gewesen.
„Dem Bemühen des Oberpräsidenten gelang es, für Simar eine Stimme
mehr zu gewinnen, worauf Simar gewählt wurde.“ Hierzu sei auf Grund
von durchaus zuverlässigen Auskünften, die mir mit der Ermächtigung, sie
bei Gelegenheit zu veröffentlichen, gegeben worden sind, festgestellt, daß
nach einer genauen Durchsicht der Akten des Preußischen Kultusministeriums
die oben wiedergegebene Behauptung „jeder tatsächlichen Unterlage entbehrt.
Wie das Wahlprotokoll ergibt, ist die Wahl des inzwischen verewigten Erz-
bischofs Simar nicht mit einer Stimmenmehrheit von 1 Stimme, sondern
mit ganz überwiegender Stimmenmehrheit erfolgt. Auch ist. . . nicht der
Oberpräsident, sondern der Regierungspräsident Freiherr von Richthofen
Wahlkommissar und ersterer bei den Vorverhandlungen zur Wahl überhaupt
unbeteiligt gewesen.“ Selbst wenn also — und es deutet manches, ins-
besondere auch eine von Simar beim Münchener Nuntius eingelegte Ver-
wahrung darauf hin — wegen dieser Wahl eine Beschwerde nach Rom ge-
gangen sein sollte, so kann sie doch, da der Kurie der wahre Sachverhalt
bekannt war, keinesfalls den mittelbaren oder gar unmittelbaren Anlaß zum
Erlaß des Schreibens „Ad Notitiam Sanctae Sedis pervenit“ gegeben haben.
Ulrich Stutz.

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