Full text: Volume (6 (1916))

Ed. Eichmann, Die römischen Eide der deutschen Könige. 141
in das Gratianische Dekret Aufnahme gefunden hat: c. 1
C. 2 qu. 5. „Sacramentum autem hactenus a summis sacer-
dotibus vel reliquis exigi nisi pro recta fide (fieri) minime
cognovimus, nec sponte eos iurasse repperimus.“ Die Ähn-
lichkeit zwischen Ssp. III 54 und c. 1 C. 2 qu. 5 ist gewiß
überraschend und bildet einen weiteren Beleg für die An-
gleichung von Königsrecht und Bischofsrecht im Mittel-
alter, welches den König als quasi-Bischof, als „bischöf-
lichen Amtsgenossen“ angesehen wissen wollte.1)
Gratian konnte den Gegensatz nicht übersehen, welcher
zwischen dem pseudoisidorischen Kapitel und der tatsäch-
lichen Übung bestand.2) Auch der Satz des Sachsenspiegels
kann so wie er lautet vor den Tatsachen nicht bestehen.
Behufs Erlangung der Kaiserkrönung hatte nämlich der
deutsche König persönlich dem Papste zwei Eide zu leisten,
einen Schutz- und einen Treu- oder Sicherheitseid; außer-
dem hatte er während seines Einzugs in die Krönungsstadt
nicht weniger als dreimal, seit Friedrich I. einmal den
Römern zu schwören. Von den Bewerbern um die Kaiser-
würde ist diese Pflicht nicht bestritten worden. Nur einmal
scheint ein Versuch gemacht worden zu sein, sich der Eides-
leistung zu entziehen. König Heinrich V. soll, wie Hel-
mold, Chronica Slavorum I 393) berichtet, den vom Papst
verlangten Eid mit der Begründung verweigert haben, daß
„der Kaiser niemandem einen Eid zu leisten brauche“.4)
Tatsächlich hat er wie seine Vorgänger und Nachfolger die
Pflicht erfüllt und die hergebrachten Eide geschworen.5)
1) Vgl. Fritz Kern, Gottesgnadentum und Widerstandsreeht im
früheren MA. 1915, 53 ff.
2) Gratian meint, die Bestimmung beziehe sich nur auf iuramenta
incauta et ea, quae pro qualibet causa temporali iudicio offeruntur.
Vgl. Rufin ed. Singer 250: hoc decretum datum est in tempore primi-
tivo, hodie in plerisque aliis casibus iuratur.
3) SS. rer. germ. ed. Schmeidler 78.
4) G. Meyer von Knonau, Jahrbücher des deutschen Reichs
unter Heinrich IV. und V., VI 1907, 369 ff., 389 ff.
5) Nach Bertholds Annalen a. 1077, MG. SS. V 289 soll sich Hein-
rich IV. zu Canossa anfänglich geweigert haben, den von Gregor VII.
verlangten Eid zu leisten: ne ipse iuraret; ob unter Berufung auf die
Glaubwürdigkeit des bloßen Königswortes oder aus anderen Gründen,
ist nicht ersichtlich.

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