Full text: Volume (6 (1916))

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Heinrich Singer,

es deshalb nicht ratsam war, den Bogen zu überspannen
und den Unwillen der Gegner dadurch aufs äußerste
herauszufordern, daß man es etwa auch noch offiziell
dem Kandidaten freistellte, sich selbst den Stimmen zu-
zugesellen, welche dem ohnehin eine offenkundige Pression
bedeutenden Ansinnen, die Wahl sofort durch Adoration
zu vollziehen, die nötige Majorität sichern sollten. Wieder-
holt wird darum hervorgehoben, daß bei diesem Beschlüsse
die Stimme des Kandidaten nicht mitgezählt werden soll,
obwohl er bei einem Akzesse für sich selbst stimmen könne;
auch die Konklaveberichte versäumen es nicht, gelegentlich
darauf hinzuweisen, daß für die Adorationswahl wenigstens
eine Stimme mehr erforderlich sei, als für die Wahl durch
Skrutinium, bzw. Akzeß.1) Aber im Konklave Clemens’ VIII.
(Januar 1592) ereignete sich wirklich der Fall, daß ein
Mitglied des Kollegiums, der Kardinal Santorio (,,Sanse-
verina“), die herrschende Stimmung verkennend, auch
alle Forderungen des Taktes und der Selbstbeherrschung
vergessen und selbst die sofortige Huldigung verlangt
hatte, obwohl die Zahl der zur Einleitung der Adoration
Versammelten nur, wenn die Stimme des Kandidaten
mitgezählt worden wäre, die Zweidrittelmehrheit des Wahl-
kollegiums repräsentiert hätte.2)

1) Vgl. Petruccelli della Gattina II, 310, Conclavi dei ponte-
fici I, 431 (diese Stellen betreffen Vorgänge im Konklave Gregors XIV.);
Petruccelli II, 383. 394, Conclavi II, 4. 14 (betreffend das Konklave
Clemens’ VIII.). Wenn sich hier wiederholt der Ausspruch findet, daß,
sobald die Wahl per adorationem erfolgen soll, für den Kandidaten um
zwei Stimmen mehr erforderlich seien, als die bei der Wahl durch
Skrutinium und Akzeß notwendige Zahl, so erklärt sich dies eben
daraus, daß die letztere Angabe nach der uns schon bekannten Be-
rechnungsweise nur die Zahl der (neben der Stimme des Kandidaten)
zu sichernden fremden Stimmen im Auge hat.
2) Die bisher veröffentlichten Berichte, betreffend das Konklave
des Jahres 1592, genügen wohl durchaus, um sich über die wesent-
lichen Vorgänge und über das Benehmen Sanseverinas ein Urteil
zu bilden; aber erst die mir aus dem Görlitzer Cod. Milich. 389 be-
kannte, noch ungedruckte Beschreibung des Konklaves Clemens’ VIII.
von Delio Maretti (vgl. oben 8. 102 Note 1) läßt uns recht anschau-
lich entnehmen, welche Bedeutung, dem Auftreten Sanseverinas gegen-
über, auf die Diskussion der Rechtsfrage gelegt werden mußte:

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