Full text: Volume (3 (1913))

Literatur.

611

Trennung von staatlich und kirchlich bedeutete nichts als eine Scheidung
der Ressorts. Korrekterweise müßte man also sagen, daß in der ein-
heitlich bleibenden Staatsgewalt das Nur-Staatliche sich sonderte von
dem Staatlichen, das auf die Kirche Bezug hatte. Heute dagegen be-
deutet der mit den gleichen Worten gekennzeichnete Gegensatz zwei
Dinge, denen der gemeinsame Oberbegriff fehlt“ (S. 217, vgl. 8. 64).
Dabei waren in der Reformationszeit die jetzt sog. kirchlichen Externa
als rein weltliche Angelegenheiten angesehen (vgl. S. 145. 165). Durch
die Martenssche Studie wird aber noch eine wichtigere Erkenntnis
gefördert, die m. E. erst den Schlüssel zum richtigen Verständnis der
Entwicklung des landesherrlichen Kirchenregiments bildet, die Erkennt-
nis nämlich, daß das landesherrliche Kirchenregiment einen anderen
Charakter hatte auf dem landesherrlichen Amtsgebiet und auf ständi-
schem Gebiet. Auf beiden Gebieten kam die äußere Kirchenverwaltung
in die Hand der Lokalobrigkeit. Auf landesherrlichem Gebiet war
diese identisch mit der Zentralgewalt. Auf ständischem Gebiet nicht;
hier mußte der Landesherr erst unter einem anderen Titel, gewöhnlich
dem des sog. ius episcopale, besondere Rechte gewinnen, die seiner
Herrschaft den Charakter nur einer Oberleitung gaben. Diese durch
seine verschiedene Begründung bedingte Verschiedenheit des landes-
herrlichen Kirchenregiments blieb bestehen, bis die politische Stellung
der Stände überwunden wurde, d. h. in manchen Territorien bis ins
19. Jahrhundert, und sie zeigt sich in Zweifeln über Zuständigkeiten
noch heute. Daraus wird auch erst die Rechtsstellung der heute sog.
Patrone klar, die sich in Norddeutschland aus der Stellung der Orts-
obrigkeit entwickelt hat: die Verschiedenheit des sog. landesherrlichen
Patronats auf Amts- und Ständegebiet einerseits sowie des Patronats
kirchlichen Ursprungs und des auf lokaler Fundation beruhenden
Patronats anderseits. Martens hat diesen ganzen allerdings sehr kompli-
zierten Entwicklungsgang nicht näher verfolgt und klargelegt; er fühlt
aber wohl überall das Richtige heraus, so wenn er verschiedentlich fest-
stellt, wie sich das landesherrliche Kirchenregiment ganz analog der landes-
herrlichen Territorialgewalt entwickelt habe (8. 41. 79. 93), wenn er be-
merkt, es schiene sich bei der Abgrenzung der patronatlichen Rechte im
Verhältnis zur Rechtsstellung der Gerichtsherren „um einen Punkt zu
handeln, dessen nähere Betrachtung mancherlei Aufklärung über bisher
weniger beachtete Seiten des reformatorischen, aber auch des mittel-
alterlichen praktischen Kirchenrechts geben könne“ (S. 149). Es ist
ihm wohl entgangen, daß ich (Entwicklung des städtischen Patronats
1911 8. 99 ff.) hierauf besonders aufmerksam gemacht und den Anfang
zu einer Klarlegung dieses Entwicklungsganges gemacht habe. Sein
Material belegt die Richtigkeit der von mir gewonnenen Resultate
allenthalben (vgl. z. B. S. 102. 105 ff. 187. 191. 207 f.). Hätte er die
Wandlung des Patronatsbegriffes beachtet, so wären ihm auch die
Unklarheiten, die ihm noch blieben, geschwunden.
Das wissenschaftliche Resultat, zu dem Martens mit dem Ab-
schluß des 17. Jahrhunderts kommt, zeigt die ganze Bedeutung der
39*

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer