Full text: Volume (3 (1913))

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Literatur.

kommissare zu machen versuchte, mußte er die ganze Lokalverwaltung'
der früheren Zeit studieren. So erhalten wir ein reiches Material von
Urkunden des früheren Kirchenlebens, eine Sammlung, die als Unter-
lage für weitere Forschungen ihren selbständigen Wert behält, auch
wenn man den Folgerungen, die der Verfasser aus ihnen zieht, nicht
immer zustimmt.
Martens beschränkt seine Forschung im wesentlichen auf das
hannoversche Stammland Calenberg. Mit gutem Grunde; denn nur so
war es ihm möglich, die Rechtsverhältnisse nach dem vorhandenen
Urkundenmaterial erschöpfend darzustellen. Es führten ihn dazu die-
selben Erwägungen, die mich seinerzeit veranlaßten, die Darstellung
der kirchlichen Lokalverwaltung in Altpreußen znnächst auf Branden-
burg zu beschränken. Die Bedeutung auch seiner Darstellung geht
dabei über die einer engbegrenzten Territorialgeschichte hinaus, da
das behandelte Institut im Calenberger Territorium typisch ausgebildet
und zum Teil von dort erst auf die anderen jetzt hannöverschen
Landesteile übertragen ist. In trefflicher Weise vermittelt der Ver-
fasser das Verständnis für die Entwicklung des behandelten Rechts-
instituts, indem er bei jeder der Perioden, in die er die Dar-
stellung einteilt, zuerst einen staatsgeschichtlichen Überblick gibt, so-
dann die allgemeine kirchliche Lage darstellt und dann erst die
gefundenen Einzelheiten, die sich auf die Entwicklung des Kirchen-
kommissariats beziehen, vorträgt. Im einzelnen sei wegen der Anlage
der Arbeit und des verarbeiteten Stoffes auf die Inhaltsübersicht und
den Literatur- und Quellennachweis (S. XI—XL) verwiesen, der in seiner
Vollständigkeit einen selbständigen Wert hat.
Das wissenschaftliche Ergebnis seiner Untersuchung ist im wesent-
lichen folgendes: Während die kirchenregimentliche Mittelinstanz der
Kirchenkommissare nach der wohl herrschenden Annahme bisher auf
die in der Reformationszeit gebildeten Visitationskommissionen zurück-
geführt wurde, weist Martens nach, daß sie ihre Grundlage schon in
der vorreformatorischen Zeit findet. Die Landesherren übten schon
vor der Reformation durch ihre Amtleute die Befugnisse aus, die diese
als später sog. Kirchenkommissare hatten. Seine Untersuchung be-
stätigt von neuem die Notwendigkeit, die bisher für original gehaltenen
Einrichtungen der Reformationszeit auf ihren Ursprung hin näher zu
prüfen, sie bestätigt im besonderen die Erkenntnis, daß das landes-
herrliche Kirchenregiment, wenn es auch in den evangelischen Terri-
torien seinen eigenen Charakter erhalten hat, sich doch in geschicht-
licher Kontinuität aus der vorreformatorischen Zeit herausentwickelt
hat. Martens findet auch für die welfischen Stammlande bestätigt,
was für andere maßgebende Territorien, von mir für Brandenburg,
festgestellt ist, daß sich das Kirchenregiment als reines Staatsregiment
entwickelte. Gewiß wurde zwischen kirchlichen und weltlichen An-
gelegenheiten unterschieden, aber die Kirche erschien dabei nicht als
eine neben der staatlichen bestehende Macht. Diese Rechtslage be-
festigte sich dann in der Zeit des politischen Absolutismus. „Die

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