Full text: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte / Kanonistische Abteilung (3 (1913))

Literatur.

579

Samuel Maresius, Gisbert Voetius, Joh. Coccejus und Philipp von Lim-
borch heraus und legt ihre Hauptwerke zugrunde. Die zweite Hälfte
des 17. Jahrhunderts hat Verf. gewählt, weil das 17. Jahrhundert die
aurea aetas der protestantischen Rechtsgläubigkeit ist und die prote-
stantische Dogmatik in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ihre
höchste Blüte erreicht hat. Der Anglicanismus wird nicht berücksichtigt,
weil er nur territoriale, der Zwinglianismus nicht, weil er nur separa-
tistische (?) Bedeutung hat (8.21). Die genannten Theologen beschäftigen
sich freilich nur nebenbei, im Zusammenhang ihres theologischen
Systems, mit der Lehre vom Staat, aber darin liegt gerade der Wert
ihrer Ansichten, daß sie nicht ausgeklügelte Theorien vom Staate vor-
tragen, sondern ihn von ihren theologischen Voraussetzungen aus be-
handeln. Verf. gliedert seinen Stoff in drei Teile: Lehre vom Wesen
des Staates, Lehre vom Verhalten der Gläubigen zum Staate und Lehre
vom Verhalten des Staats zu den Gläubigen. Durchweg werden in
den Noten kurze, gedrängte Belege aus den Quellen gegeben; der
Zusammenhang der protestantischen Theologen mit der Scholastik wird
überall, wo er besteht, hervorgehoben. So wird S. 36 f. bei den lutheri-
schen Gottesgelehrten ein grundsätzliches Festhalten am scholastischen
universalistischen Kirchen- und Staatsbegriff“ konstatiert, während sich
bei den Calvinisten der Staatsbegriff viel eigenartiger ausprägt und
das Bewußtsein vom Staate als einer selbständigen Größe stärker
hervortritt; durchweg verraten die calvinistischen Theologen einen
höheren Grad politischer Schulung als die lutherischen. Beide aber
sind einig in der Behauptung des göttlichen Ursprungs der Staats-
gewalt und lehnen ihre Ableitung aus einem Vertrage ab; dadurch
kommen sie zu einer höheren Schätzung der Staatsgewalt als die vor-
reformatorischen Theologen, und sind der Volkssouveränität durchweg
abhold. Die Verfassungen nehmen sie hin als geschichtlich gewordene,
rein menschliche Staatsformen, wenn sie auch für die Aristokratie eine
gewisse Vorliebe empfinden. Daher geziemt auch dem Staatsbürger
lediglich Anerkennung der vorhandenen politischen Verhältnisse, nicht
das Trachten nach ihrer Änderung. Freilich eine unbedingte Ge-
horsamspflicht gegen die Staatsgewalt fordern auch unsere Theologen
nicht, nur darf der Widerstand nicht mit bewaffneter Hand geschehen.
Was für den Gläubigen vom Staat gefordert wird, ist vor allem Ge-
wissensfreiheit, die aber nicht Duldung fremder Glaubensbekenntnisse
bedeutet, insbesondere nicht der Sektierer! — So ist es nicht gerade
etwas Neues, was wir aus dem Buche erfahren, aber es ist doch inter-
essant durch die eingehende Behandlung einer Materie, die sonst mehr
im Groben erledigt wird, und jedem, der sich mit der Staatslehre des
17. Jahrhunderts beschäftigt, dringend zu empfehlen. Die Sprache des
Verf. ist nicht immer einfach und natürlich.
Erlangen. K. Rieker.

37*

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer