Full text: Volume (3 (1913))

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Walther v. Hörmann.

der karolingischen Minuskel angewendete Abbreviatur in der
Form des Kolonzeichens für die Endung ur findet sich,
vereinzelt, das ältere ebenfalls tironische Häkchen * *), während
das spätere runde r (wie in or) über der Zeile in der Hand-
schrift noch nicht festgestellt werden kann.2) Insbesondere
die gleichzeitige Anwendung des Häkchens für beide End-
silben gilt als merowingische oder frühkarolingische Eigen-
tümlichkeit, namentlich juristischer Handschriften2), wie über-
haupt nach den bisherigen Feststellungen das Maß der ge-
brauchten Kürzungen und die sichtliche Scheu vor regelmäßiger
und systematischer Anwendung derselben im allgemeinen eher
dem Schriftbrauche der merowingischen und frühkarolingischen
Zeit als jener des 9. Jahrhunderts entspricht.3) Jedenfalls
kann von einer planmäßigen und durchgängigen Anwendung
der Abbreviaturen nicht gesprochen werden, wie sie sich be-
kanntlich im Laufe des 9. Jahrhunderts wahrscheinlich auf
dem Wege über die Klosterschreibstätten von Bobbio und
St. Gallen auch in der fränkischen Minuskel entwickelt hat.4)
Gleich diesem Momente kann als weiteres Argument
für ein in die ersten Jahrzehnte des 9. Jahrhunderts zurück-
reichendes Alter des Manuskripts angeführt werden, daß
nicht nur die Satztrennung durch Interpunktionszeichen sehr
wenig entwickelt erscheint5) — es findet sich hie und da, meist
vor Abkürzungen, oft auch an unpassender Stelle, wohl ein
Punkt an der Mittellinie oder, wenn ein Absatz markiert wird,
fünf Punkte am Schlüsse der Zeile angebracht —6), sondern
auch die Worttrennung durchaus noch sehr mangelhaft ist, so
daß es den Eindruck macht, als ob der Schreiber daran gar
nicht gewöhnt wäre. Yor allem werden fast regelmäßig
(nF — mus), fol. 55 Z. 21 und fol. 59 Z. 3 (eF=eius), fol. 64 Z. 21
p'tea — postea).
*) Ms. fol. 18 v. Z. 12, fol. 18 Z. 8, fol. 47 Z. 3 (urguÄ* = urguetur),
f. 58 Z. 18, fol. (SO Z. 1 (vid&J = videtur). Vgl. P aoli-Lohmeyer 8. 19,
35, Cappelli p. XXV. — 2) Vgl. Steffens p. XX, XXXVJ1I
Wattenbach4 8. 68. — s) Siehe die Ausführungen bei Steffens
p. XII, XXXVII. — 4) Vgl. Paoli-Lohmeyer, Abkürzungen 8. 35f.,
Steffens p. XXXVII. — 5) Bretholz S. 110, Wattenbach4 S. 90,
Paoli-Lohmeyer, Grundriß 8. 79f., Steffens p. XXI. — *) Vgl. o.
8. 433 Anm. 4. Fast durchgängig kündigt der Schreiber Abkürzungen
durch einen Punkt an der unteren Mittellinie an.

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