Full text: Volume (3 (1913))

Der Prozeß im Decretum Gratiani usw.

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baren Wahrnehmung des Zeugen formuliert er dahin, daß
niemand testis de auditu sein dürfe, indem er dabei des
Fällen der von Gratian zitierten Novellenstelle1) und des
Ehenichtigkeitsprozesses2) eine Ausnahmestellung einräumt
und gleichzeitig auf den Unterschied zwischen dem verbotenen
testimonium de auditu und dem ordnungsmäßigen Zeugnis
über das, was der Zeuge selbst durch sein Gehör wahr-
genommen hat, hinweist:
Sed notandum est, quod duobus modis dicitur aliquis esse
testis de eo, quod audivit. Yel quia fert testimonium de
re, quam, cum fiebat, audivit; vel quia perhibet testimo-
nium de re, quam fuisse vel esse ab alio narrari audivit.3)
Den Satz Gratians endlich, daß die beiden Zeugen den von
ihnen bekundeten Vorgang gleichzeitig wahrgenommen haben
müssen4), verdichtet er zu der ausführlich behandelten Lehre,
daß für den Inhalt der Zeugenaussagen identitas temporis
und identitas loci zu verlangen sei/1) Stephanus erklärt die
der Zweizahl der Zeugen entgegenstehenden Bestimmungen
damit, daß er sie wie Gratian auf die von ihm ausdrücklich
als Kardinale bezeichneten Kleriker der römischen Kirche
bezieht und als Grund für deren Ausnahmestellung anführt:
. . . quia facile inveniri possunt duo vel tres, qui cito dicerent,
contra improbitatem quorundam institutum est sub numero
tot testium eos solemniter accusari, quia raro invenirentur
tot. qui vellent deierare.°j
Die testimonia de auditu verwirft auch er für Straf- wie für

4) Nov. 90, 2 s. o. 8. 307 Anm. 5. — 2) 8. o. 8. 306 Anm. 7,
S. 308 Anm. 8. Vgl. auch wegen der Ausnahme im Ehenichtigkeits-
prozeß Rufinus 8. 529f. zu c 5 C XXXV q 6 mit der ausdrücklichen
Bestimmung, daß das testimonium de auditu in solchen Fällen,
wo „der auditus1* auf Nachbarn zurückgeht, nur beachtet werden
soll, wenn gleichzeitig bekundet wird, daß das „Hörensagen“ vor Beginn
des zur Entscheidung stehenden Prozesses zurückliegt: Posset enim
arte componi, ut ille, qui vellet falso consanguinitatem proponere, in-
strueret, quatinus aliquis senex modo diceret ei, qui de consanguini-
tate daturus est testimonium, tales et tales esse consanguineos vel fuisse.
— 3) Rufinus 8. 270f. zu dict. Gr. p. c 15 C III q 9. Vgl. auch S. 241
zu c 19 C II q 1. — 4) 8. o. S. 307 Anm. 8. — *) Rufinus 8. 271
zu dict. Gr. § 2 p. c 15 C III q 9. — ®) Stephanus S. 172 zu CII q4.

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