Full text: Volume (3 (1913))

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Emil Ott,

Denkende Männer aus dem Yolke wußten den Wert des
kanonischen Rechts zu schätzen. Ein Landedelmann, Thomas
von Stitny (geh. um 1325, gest. um 1400), der durch den
Besuch der Prager Hochschule und durch den Umgang mit
dem bereits wiederholt erwähnten Pariser Magister Albertus
Ranconis de Ericinio sich zu einem tiefen Denker und philo-
sophischen Eklektiker mit überwiegender Neigung zum
Realismus1) herangebildet hatte, weiß in seinen Schriften
insbesondere die Vorteile des kirchlichen Gerichtsverfahrens
gegenüber dem heimischen Rechtsgange zu würdigen und
zeigt auch eine eingehende Kenntnis des kirchlichen Eherechts.
In einer Schrift über die „allgemeinen christlichen Sachen“
(böhm.) 1356 kommt er auf das Gerichtsverfahren zu sprechen
(edit. Erben IV. Buch S. 145 ff.) und fährt nach einer ein-
dringlichen Klage über die Mißbräuche des heimischen
Gerichtswesens fort: „Gut sind die Gerichte, welche im kirch-
lichen Rechte ihren Ursprung haben, wenn die Richter gut
und die Fürsprecher gottesfürchtig sind, so daß selbst die
kaiserlichen Rechte sich nicht schämen, sich nach den geist-
lichen zu richten“, bei welchem Ausspruche ihm offenbar
c. 1 X 5, 32 vorschwebte. Im weiteren Verlaufe seiner
Auseinandersetzungen hebt er insbesondere die Vorteile fest-
stehender Beweisregeln hervor.
Nachdem sodann als erste Pflicht des Richters die
Übung der Gerechtigkeit mit den Worten des Psalters: filii
hominum recte judicate! hingestellt worden war, wie dies
auch in den Schriften kanonistischer Prozessualisten üblich
ist, wird des Vergehens eines Richters, qui litem suam fecit,
Erwähnung gemacht unter Anführung der hierüber geltenden
Anordnungen des fremden Rechts ihrem Inhalte nach (c. 1
in VI 2, 14), ohne sie zu zitieren. Bei Besprechung der
Beweismittel wird rühmend hervorgehoben, daß die Ab-

(M.S. Domkapitel Arch. L. XVI fol. 145, 168) finden sich Schiedssprüche
und wenige Jahre später (cod. arch. Domkapit. VI, 4. fol. D 2) die
Formel des Calumnieneides, wie sie in den ordines judiciarii vorkommt,
in böhmischer Sprache.
*) Wenzig, Studien über die Schriften des böhm. Ritters Thomas
von Stitny (Leipzig 1856); Dastich in den Abhandlungen der böhm.
Gesell, der Wiss. Folge V B. 12.

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