566 I. Buch. Allg. Lehren. — Tit. IV. Die Schutzmittel gegenüber dem Richter.
lichen Decrets bei dem Gerichte, welches dasselbe erlassen, gesucht
wird. Obwohl den nämlichen Zweck wie die Appellation verfolgend
steht die Revision in doppelter Hinsicht hinter dieser zurück, indem
sie einestheils die gleiche Garantie für eine unpartheiische Prüfung
der angefochtenen Verfügung nicht gewährt, andererseits das Vertrauen ¬
auf eine dem Rechte entsprechende Entscheidung in geringerem ¬
Grade wie ein Rechtsmittel begründet, das die Sache an ein
zahlreicher oder doch mit bewährteren Richtern besetztes Gericht
devolvirt.
Indem nun dieses zweifache Bedenken, welches mit der nicht
devolutiven Eigenschaft der Revision zusammenhängt, derselben im
Verhältnisse zur Appellation eine subsidiäre Stellung anweist, bietet
das deutsche Recht in der Actenversendung ein Mittel zur Beseitigung ¬
jener Uebelstände dar. Hierdurch ist denn das der Revision
analoge, obwohl auf anderer historischer Grundlage beruhende, mit
der Appellation concurrirende Rechtsmittel der Leuterung ermöglicht ¬
worden.
Die Revision hat ihren Ursprung in der supplicatio, mittelst ¬
welcher gegenüber den inappellabeln Urtheilen des praefectus ¬
praetorio (*) eine nochmalige Verhandlung der Sache
(retractatio) beim Kaiser nachgesucht werden konnte (2). Obwohl an
sich mit der römischen Gerichtsverfassung weggefallen, erhielt sich
doch die Supplication nach der Lehre der mittelalterlich-italienischen ¬
Juristen als eine „supplicatio a sententiis domini papae
et imperatoris et praefecti praetorio" (3), und wurde denn auch
Reinhardt de potiorib. different., quae inter camerales revisiones et
eas intercedunt, quibus in statuum judiciis et foris utimur, Goett. 1739
Lang, von der Revision am Reichskammergerichte, Tübing. 1780. Hurlebusch, ¬
über die Frage, ob die in den Reichsgesetzen verordnete Revision auch
dann Statt finde, wenn die streitige Summe groß genug ist, um an die
Reichsgerichte appelliren zu können, Braunschw. 1784. Jäger, vom Rechtsmittel ¬
der Revision und Actenversendung, Stuttgart 1788. — Gönner
Handb. III. Abh. LXIII. — Goldschmidt, Abhandl. Nr. XI. (S. 124
134); Linde im Arch. f. civ. Prax. Bd. XXI. S. 321 flg. u. Handb. II.
S. 374 flg. Kind de origine leuterationis ac speciatim oberleuterationis
saxonicae, Lips. 1787; — Biener, Syst. proc. jud. II. §§. 181—186.
1) 1. 1. §. 1 D. de officio praefect. praetorio (1. 11); l. 17 D. de
minorib. (4. 4); — const. 19 C. de appellat. (7. 62); Nov. 82. c. 12.
2) const. 5 C. de precibus imperatori (1. 19) (v. Valentinian und
Valens aus dem J. 365); const. un. C. de sententiis (7. 42); Nov. 82.
c. 12; — const. 35 (rest.) C. de appellat. (7. 62). — Goldschmidt,
Abhandl. S. 124 flg.; Wetzell, Syst. S. 716 flg.
3) Tancred: ord. jud. P. IV. tit. 3. §. 1; Duranti spec. jur. II.
Part. III. de supplicatione §. 1. (p. 538 der Pars II. der Ed. Francof.