Full text: Volume (Bd. 57 = 2.F. 21 (1910))

Nachlese zur Unmöglichkeitslehre.

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auch einigen später zu behandelnden Erscheinungen gerecht
werden, und sie wird sich als eine der vielen Anwendungsfälle
desselben konstruktiven Grundsatzes der qualitativen Teilung
erweisen.
Wie dem auch sei, jedenfalls in folgenden Fällen ist jeder
Gedanke an Nichtigkeit oder Unwirksamkeit des Geschäfts aus-
geschlossen. Wie unten in § 5 bei Erörterung des Rechtsscheins
noch nachgewiesen werden wird, hat in vielen Fällen die Leistung
an einen Scheingläubiger Wirksamkeit gegen den wahren Gläu-
biger, und darum hat die Leistung an einen Nichtberechtigten Er-
füllungswirkung zugunsten des Schuldners. Non der herrschenden
Meinung wird hierher z. B. die Leistung an den Zedenten
vor der Benachrichtigung des Schuldners von der Abtretung
gerechnet. Es gibt aber, wie in § 5 zu zeigen, noch andere
Fälle in Hülle und Fülle. Da kann man doch nicht mit gutem
Fug behaupten, daß die Leistung an den Nichtgläubiger er-
wünscht sei, man wird höchstens sagen dürfen, sie werde als
unvermeidliches Uebel geduldet. Dann wird man aber diesen
Fällen nicht dadurch gerecht, daß man ein Leistensollen gegen-
über dem Nichtgläubiger unterstellt. Also das eigentümliche
Ergebnis: Dem Nichtberechtigten soll ganz gewiß nicht ge-
leistet werden, aber es es muß ihm geleistet werden, denn der
Nichtberechtigte kann, wie in § 5 nachgewiesen werden wird,
den Schuldner zur Leistung zwingen, sein Scheinrecht oder
sein Rechtsschein hat zwingende Kraft und erweist sich somit
unter Umständen stärker als das wahre Recht. Also kein
Leistensollen, dennoch aber ein Leistenmüssen! Es wäre nun
ein ausgesprochener Widersinn, wenn das Leistensollen ebenso
etwas Juristisches wäre wie das Leistenmüssen, denn dann wäre
der Widerspruch zwischen beiden unerträglich. Nimmt man
dem Leistensollen aber alles Juristische, macht man zum wesent-
lichen Begriffsmerkmal des Schuldverhältniffes nur das Leisten-

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