Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

Stellvertretung oder Organschaft?

475

Jene spezifische Eigenart der Gesammtperson, die Ueber-
ordnung des Gemeinwillens über die Gliedwillen, wohnt
natürlich auch den rein privatrechtlichen Korporationen inne.
Aber wie ihre gesammte rechtliche Lebensthätigkeit, so ent-
faltet sich auch diese Ueberordnung rechtlich auf dem Gebiet
des Vermögensrechts. Da nun als Typus der Rechtsbeziehungen
auf dem Boden des Vermögensrechts die Koordination von
Individuen erscheint, so tritt hier der Gegensatz von Organ-
schaft und Stellvertretung weniger scharf hervor. Für die
oberflächliche Betrachtung verwischt sich leicht die heterogene
Entstehung der organschaftlichen Rechte und Pflichten einer-
seits und der des Stellvertreters andererseits, weil sie schließ-
lich beide sich in Vermögensleistungen umsetzen lassen. Daher
hat denn auch die Ueberwindung der individualistischen Personen-
theorie die entscheidende Anregung von der Publizistik her er-
halten. Ferner kann sich ein gemeinsamer Rechtsbegriff der
Gesammtperson und damit auch der Organschaft nur ergeben,
indem man von den allen Gesammtpersonen eigenen Eharakter-
zügen ausgeht. Wenn man dagegen aus der individualistischen
Auffaffung die vermögensrechtlichen Elemente herauszudestil-
liren sucht, so nimmt man ihr das Einzige, was über ihre
Unhaltbarkeit hinwegtäuschen konnte; erhält jedoch keineswegs
eine gemeinsame Grundlage für die Konstruktion der Gesammt-
person.
Das wird auch durch das Beispiel bewiesen, durch welches
Schloßmann das Gegentheil beweisen will, nämlich daß
„die Begriffe und Grundsätze von der Stellvertretung, wie sie
im Privatrecht ihre Ausbildung erfahren haben, auch im
öffentlichen Rechte verwerthet werden können und müssen"").
Sein Beispiel, die Befugniß des Kaisers zum Abschluß inter-

51) Organ und Stellvertreter, S. 325.
31*

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer