Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

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Hugo Preuß,

noch der Organperson ist die Berechtigung von der Verpflich-
tung zu trennen. Der Vertretene hat ein Recht auf die Dienst-
leistungen des Vertreters, aber keine Rechtspflicht, sie in An-
spruch zu nehmen ; umgekehrt hat der Vertreter ein Recht auf
Schadloshaltung durch den Vertretenen, aber keine Rechtspflicht,
diesen Anspruch zu verwirklichen. Die Gesammtperson dagegen
hat nicht nur ein Recht auf die Organfunktionen der Organ-
person, sondern ihre Rechtspflicht besteht — abgesehen von einer
etwaigen vermögensrechtlichen Leistung, deren Existenz für das
Organverhältniß selbst unwesentlich ist — gerade darin, daß sie
die Organfunktionen der Organperson innerhalb der rechtlichen
Kompetenzordnung als solche anerkennt und in Anspruch nimmt.
Umgekehrt hat die Organperson nicht nur die Rechtspflicht zur
Erfüllung ihrer Organfunktionen, sondern diese Erfüllung ist
zugleich der Inhalt ihres organschaftlichen Rechts — wiederum
abgesehen von etwaigen sekundären vermögensrechtlichen An-
sprüchen. Kurz: Organperson zu sein, das ist der Inbegriff
von Rechten und Pflichten der Organperson gegenüber ihrer
Gesammtperson; sie als Organperson anzuerkennen und zu be-
handeln, das ist der Inbegriff der Rechte und Pflichten der
Gesammtperson gegenüber ihrer Organperson. Das heißt aber
gar nichts anderes, als daß es sich hier, im Gegensatz zu den
obligatorischen Rechtsverhältnissen der individualistischen Stell-
vertretung, um S t a 1 u s verhältniffe handelt, während sie
Schloßmann natürlich in die heterogene Kategorie eines
Obligationenrechts hineinzwängt, dem er das Verlegenheits-
prädikat eines „öffentlichen" verleiht28). Das aber ist gerade
das Wesen des Obligationenrechts, daß Berechtigung und Ver-
pflichtung neben einander stehen, wie es das Wesen des
Statusrechts ist, daß sie in einander stecken, koincident sind.

28) Organ und Stellvertreter, S. 3iS.

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