Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

Stellvertretung oder Organschaft?

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beschränkt individualistischen Anschauung, die sich gar keine
anderen als koordinirte selbständige Rechtssubjekte d. h. eben
Individuen vorzustellen vermag. Befangen im Banne dieser
Einseitigkeit, leugnet Schloßmann kurzweg jede spezifische
Verschiedenheit zwischen den Vermögensrechtsverhältnissen und
den organisatorischen Rechtsverhältnissen der Gesammtpersonen.
und damit eben nicht nur das ganze öffentliche Recht, sondern
auch jenes weite Gebiet des Sozialrechts, das noch als Theil
des Privatrechts behandelt zu werden pflegt.
In Wahrheit giebt es in den gesammten Rechtsbeziehungen
zwischen der Gesammtperson und ihren Organpersonen nur eine
einzige Stelle, wo beide sich wie koordinirte, selbständige Rechts-
subjekte gegenüberstehen; das ist das Gebiet der vermögens-
rechtlichen Ansprüche27). Daß die alte Fiktionstheorie ihren
Blick gerade auf diesen Punkt richtet, ist nach dem früher Ge-
sagten durchaus begreiflich, nicht minder aber, daß damit das
Problem selbst gar nicht berührt wird. Im Uebrigen aber giebt
es in dem gesammten Rechts- und Pflichtverhältniß zwischen
der Gesammtperson und ihren Organpersonen nicht einen
einzigen Punkt, der zwischen koordinirten selbständigen Rechts-
subjekten auch nur denkbar wäre.
Entsprechend der Natur aller individualrechtlichen Stell-
vertretungsverhältniffe stehen sich Rechte und Pflichten beider
Parteien stets in der Weise gegenüber, daß den Rechten des
Vertreters Pflichten des Vertretenen und umgekehrt korrespon-
diren. Man kann also auf jeder Seite Rechte und Pflichten
von einander trennen. Ganz anders bei den organschaftlichen
Rechtsverhältnissen; hier giebt es nach Iellinek's treffendem
Ausdrucke überall .nur „berechtigende Pflichten"; und ebenso
nur verpflichtende Rechte; weder auf Seiten der Gesammtperson

27) Bergt, mein Städtisches Amtsrecht, S. 103 fg., 440 fg.

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