Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

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Hugo Preuß,

Es ist ja eine Tautologie, daß nur die organische Lehre
die organschaftlichen Rechtsverhältniffe wirklich als solche erfaßt.
Zwar bedient sich auch die neuere Fiktionstheorie mit Borliebe
dieser Bezeichnung; indem sie jedoch die Rechtssubjektivität des
Organs als solchen verleugnet, kann sie das Berhältniß des
Organs zu seinem Organismus eben nicht als Rechtsver-
hältniß und ebensowenig das spezifische Wesen des Rech 1s-
organismus erfaffen. Wie bei allen Rechtsverhältniffen ist auch
bei den organschaftlichen eine Mehrheit von Rechtssubjekten ge-
geben, Gesammtperson und Organperson. Die Anerkennung
dieser Thatsache ist der organischen Lehre mit der älteren, im
Gegensätze zur neueren Fiktionstheorie gemeinsam. Sie scheidet
sich aber von ihr einmal dadurch, daß sie in der Gesammtperson
keine fingirte, sondern eine ebenso reale Persönlichkeit sieht wie
in der Organperson ; und ferner — was ja damit unlösbar
logisch zusammenhängt — dadurch, daß ihr das Rechtsver-
hältniß zwischen Gesammtperson und Organperson kein indivi-
dualrechtliches Stellvertretungsverhältniß ist, vielmehr ein
spezifisch sozialrechtliches Institut, dessen Gegensatz zu jenem
eben darin wurzelt, daß Vertreter und Vertretener einander
als selbständige Individuen gegenüberstehen, während die
Organperson ein rechtlich organisatorischer Bestandtheil der
Gesammtperson ist, ihre Rechte und Pflichten von denen der
Gesammtperson in keiner Weise losgelöst werden können.
So richtig es ist, daß die unbedingte Voraussetzung für
die Existenz von Rechtsverhältnissen zwischen dem Organ und
der Gesammtperson die Anerkennung beider als Rechtssubjekte
ist. ebenso falsch ist es, wenn Schloßmann diese Anerkennung
mit der „als koordinirte selbständige Rechtssubjekte" *6) identi-
fizirt. Darin zeigt sich jenes Lermoeinari 6 vincu1i8 einer

26) Organ und Stellvertreter. S 3 t 7/6.

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