Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

440

Hugo Preuß,

Heber dieser Lehre sie in umfassenden Ausführungen immer
von neuem verkündet hat". Er glaubt also offenbar, daß
wir durch die großen Werke Gierte's zwar nicht über-
zeugt seien, aber um der lieben Ruhe willen so thun. Und
daneben berücksichtigt er milde die Schwäche der Menschen-
natur mit ihrem „Zug zum Mysticismus". Aber er warnt
ernstlichst vor diesen „Versuchungen der Phantasie, die.
hinter den unserer Beobachtung allein zugänglichen Erscheinungen
nicht existirende Dinge ahnen, stofflose Stoffe als Wirklichkeiten
erschauen läßt"13). Nun mögen auch Leute, die ihre geistige
Bethätigung auf die sorgfältige Registrirung sinnlicher Wahr-
nehmungen gefliffentlich beschränken, ganz nützlich wirken können;
ob das aber für den wissenschaftlichen Betrieb selbst in den sog.
exakten Disciplinen ausreicht, mag hier dahingestellt bleiben;
die Jurisprudenz jedenfalls, und zwar in allen ihren Zweigen,
ist im Sinne Schloßmann's eine unheilbar „mystische"
Sache und er selbst trotz alledem ein Mystiker und Geisterseher.
Oder hat er etwa schon jemals mit seines Leibes Augen einen
Eigenthümer oder Besitzer, einen Gläubiger oder Schuldner,
einen Vormund oder Erben, ja selbst einen Stellvertreter ge-
sehen? Ich nicht. Denn der sichtbare Herr Müller, der
alles dies sein kann, sieht in allen diesen rechtlich verschiedenen
Eigenschaften ganz gleich aus. Was man sehen kann, ob er
schwarz oder blond, groß oder klein ist, ob im Besitz aller
seiner Gliedmaßen oder nicht, all das ist für das Recht ab-
solut gleichgültig ; rechtlich erheblich aber ist gerade nur das,
was man nicht sehen kann. Ach, diese Jurisprudenz ist ein
heilloser Mysticismus.
Offenbar beruht also die Rechtssubjektivität, die Persön-
lichkeit auch der Individualperson nicht sowohl auf ihrer körper-

13) Organ und Stellvertreter, S. 315.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer