Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

Zu 1. 20 D. de rebus creditis 12, 1.

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gerichtliche oder notarielle Form zu umgehen — wozu mancherlei
Gründe, z. B. die Absicht, Gerichts- oder Notariatskosten zu
sparen, einen Theil der Stempelsteuer zu hinterziehen, veranlasien
können — den Schein einer reell vollzogenen Schenkung durch
Hingabe des Geldes Hervorrufen und gemäß vorgängiger Ver-
einbarung durch Rückgabe des Geldes als Darlehn das in
Wirklichkeit ein Schenkungsversprechen bedeutende Versprechen
der Rückzahlung des simulirten Darlehns dem Rechte des Dar-
lehns zu unterstellen versuchen. Ebenso könnte versucht werden,
Schein zu erfolgen, so wie bei mancipatio donationis causa die Preis-
Vereinbarung und somit auch der Preis, weil er nur in einem sestertius
nummus unus besteht (vergl. Bechmann, Der Kauf nach gemeinem
Recht, Bd. 1 S. 222 f.; abweichend allerdings, aber nicht überzeugend
Karlowa, Röm. Rechtsgesch., Bd. 2 S. 363 ff.), nur ein scheinbarer ist.
Auf der Anwendung dieses für die solutio per a«s et libram geltenden
Rechts beruht es denn meines Erachtens, daß Servius den in 1. 67 cit.
geschilderten Weg dem ihn konsultirenden Gläubiger für den Theilerlaß
anräth oder als gangbar bezeichnet, während bei vollständigem Erlaß
natürlich eine, wem auch immer gehörige Geldsumme verwendet werden
konnte. Auf solche Scheinzahlungen bei nex! liberatio mit fremdem Gelde
bezieht sich gewiß auch die Bemerkung von Gaius 1. I de verb. obi. l. 4
commodati 13, 6: „Saepe etiam ad hoc commodantur pecuniae nt dicis
gratia numerationis loco intercedant.“ Sie hat gewiß nicht etwa auf daS
zu dem Wägungsakt gebrauchte as Bezug; der Plural „pecuniae" zeigt
vielmehr, daß die zur Berichtigung der dicis gratia zu zahlenden Summe
gebranchten Geldstücke gemeint sind.
Die von Servius empfohlene Operation mit dem wiederholten Hin-
und Herzahlen derselben Geldstücke auf Grund vorgängiger Vereinbarung
erinnert stark an die in der alten Adoptions- und Emanzipationsform auf-
tretende Häufung von Mauzipationen, Manumissionen u. s. w. in Bezug aus
dasselbe Objekt (den Slius familias) und zeugt von dem Fortleben des
erfindungsreichen Sinnes der alten Juristen, mit dem sie überall, wo es
noth that, Mittel fanden, die alten civilrechtlichen Formen und Formeln
einem in ihnen nicht vorgesehenen Zwecke anzupassen. — Die nach den
vorstehenden Ausführungen anzunehmende Interpolation der l. 67 cit.
würde natürlich auf einer großen Gedankenlosigkeit der Kompilatoren be-
ruht haben. Diese darf man ihnen aber unbedenklich zutrauen.

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