Full text: Volume (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

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Martin Wolfs,

besitz erworben. Nicht der Wille kann es also sein, der den
Mitbesitz schafft^).

2.
Für das Verständniß des Mitbesitzes ist von dem Be-
sitzesbegriffe des Gesetzbuches auszugehen. Besitz setzt chat-
sächliche Sachherrschaft voraus. Man hat schon bei der Unter-
suchung des römischen Possessionskorpus erkannt, daß der Begriff
der thatsächlichen Herrschaft ein Elementarbegriff ist, der nicht selbst
wieder in juristische Elemente aufgelöst werden kann33). Sach-
herrschaft ist diejenige Beziehung einer Person zu einer Sache,
welche dem Gemeinbewußtsein als Sachherrschaft erscheint3^).
Es ist nicht richtig, daß Sachherr nur sei, wer fähig sei, „be-
liebig auf die Sache einzuwirken"33); seinem Belieben wird
stets eine Schranke gesetzt sein, sei es durch die Gefahr eigen-
mächtiger Besitzstörungen, sei es durch die Natur der Besitzsache,
durch räumliche Entfernung oder durch Verbotsgesetze. Es ist
weiter auch nicht richtig, daß Sachherr nur sei, wer im Stande

32) Unrichtig daher meines Erachtens Endemann, Lehrb., Bd. 2
S. 165 Anm. 9: Mehrere können Mitbesitz haben, „indem sie zu gemein-
samem Zwecke, dem Alle sich unterordnen, die Besitzvortheile ausüben".
33) Oder mit Goldschmidt's Worten: „Der Gewaltbegriff duldet
keine juristische Analyse, sondern nur eine kasuistische Exemplifikation. Er
hat Quelle und Norm nicht in juristischer Reflexion und positivrechtlicher
Normirung, nicht in dem subjektiven Bewußtsein des Einzelnen, sondern
in dem . . . Gemeinbewußtsein." (Berliner Festgabe für Gneist, 1888,
S. 65.)
34) Dies hat meines Erachtens überzeugend Goldschmidt, a. a. O.
S. 64, und in seinen „Vermischten Schriften", Bd. i S. 70 ff. (1901),
dargelegt. Ihm folgen Biermann, Komm, zu § 854 B.G.B. Anm. 2
Planck, ANM. 2 zu § 854.
35) So die herrschende Lehre, insbes. Wind scheid, Pandekten,
Bd. 1 8 153 Text zur Anm. 4 und die Anm. 8, in der die Literatur
verzeichnet ist.

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