Full text: Volume (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

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E. Brodmann,

absoluten Staatsomnipotenz, man hat unternommen, dem
Machtbereich des Staates Grenzen zu ziehen. So richtig es
aber auch ist, daß die Aufgaben des Staates wechseln mit
wechselnder Kultur und daß bestimmte Kulturzustände Gebiete
erheischen, welche von der Machtbetätigung des Staates frei
bleiben, so unbestreitbar ist doch auch, daß alle Schranken,
welche man hier ziehen kann, keine Rechtsschranken sind. An
die Gesetze der Logik und an die Gebote der Ethik sind, wie
der einzelne, so auch die mehreren und schließlich alle gebunden.
Hinter dem Recht und seinen Geboten steht die Macht, und
eine solche Macht kann weder über sich noch in sich Schranken
kennen, welche ihr mit Macht gesteckt wären. Eine höchste
Macht, die an eine Macht gebunden ist, wäre contradictio in
adjecto. Eine Macht, die in sich eine Schranke trägt, welche
Machtschranke ist, wäre nicht Macht, sondern in diesem Betracht
Ohnmacht.
Das ist nicht so entsetzlich. Man braucht darum nicht
gleich zu jammern, daß Gewalt vor Recht gehe. Aber selbst
wenn es entsetzlich wäre, so würde uns das gar nichts helfen,
ändern ließe sich daran nichts. Es ist aber nicht entsetzlich.
Im Grunde beruht die Scheu der Doktrin vor der Staats-
allmacht auf Mißverständnis und Voreiligkeit. Kaum hat man
sich die Vorstellung von einer Staatspersönlichkeit gebildet, so
verdichtet sie sich in unserer Ideologie auch schon zu einem
starren Hypostasma (sit venia verbo). Es hat lange Zeiten
gegeben, wo sich die Menschheit schon gleich vor der zunächst-
liegenden Hypostasierung, so plump sie auch war, nicht zu
wehren wußte und die Staatspersönlichkeit in der Person des
princeps erblickte. Diese Auffassung ist heute wohl so ziemlich
überwunden, wenigstens für die Fälle, wo der princeps eine
Einzelpersönlichkeit ist. Aber was noch nicht überwunden ist,
was uns veranlaßt, nach Kautelen zu suchen, die nichts helfen

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