Full text: Volume (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

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E. Brodmann,

gesehen davon, daß die Kompetenz zum Widerruf doch den
nämlichen Vernunftgeboten untersteht, wie die Kompetenz zur
Setzung des Rechts, läuft die Deduktion auch hier wieder
aus die quattornio terminorum hinaus, der eben nicht zu
entgehen ist. Denn die Gebundenheit an die Vernunft ist,
wie gesagt, etwas anderes als die Gebundenheit an die
Imperative des Rechts, und daran vermag auch nichts zu
ändern, daß Gierke die Aussagen der Vernunft, von
denen er anfangs spricht, im Fortgange zu Aussagen einer
Rcchtsvernunft oder gar des Rechtsbewußtseins umprägt. Denn
was soll damit gewonnen sein, daß man die Vernunft in ihrer
Betätigung auf rechtliche Beziehungen Rechtsvernunft nennt?
Und daß die Vernunft im Bewußtsein und folgerecht die so-
genannte Rechtsvernunft im Rechtsbewußtsein zur Wirksamkeit
gelangt, mag richtig sein, kann aber doch an der Art nichts
ändern, in welcher wir der Vernunft unterworfen sind.
So besteht hier ein Widerspruch zwischen der Begründung
und dem Satz, den sie beweisen soll. Sie beweist ihn nicht,
sondern widerlegt ihn. Denn die Wahrheit wohnt der Be-
gründung bei, nicht dem Satze, und es wird hier ein guter
und wertvoller Gedanke in den Dienst einer verlorenen Sache
gestellt.
Wer ist nun aber dieser Gesetzgeber? Wer ist das Sub-
jekt, welches befiehlt und mit seiner Macht zum Gehorsam zwingt?
Wir nennen dieses Subjekt den Staat. Auch dem Staate
gegenüber ist die methodische Art der Betrachtung geboten, von
der wir hier ausgehen. Auch der Staat existiert, ist wirkliches
und konkretes Sein und Werden, betrachtet von einer bestimmten
Seite aus und verstanden in bestimmtem Begriff. Als Kon-
kretes kann er nichts anderes sein, als die ganze Fülle seiner
Erscheinung, Volk und Land, das Territorium mit allem, was

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