Full text: Volume (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

Von Wesen und Begriff des Rechts.

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Man braucht sich also ganz gewiß nicht auf meinen
Standpunkt zu stellen, um zu erkennen, daß die weitverbreitete
Lehre nicht richtig sein kann, es sei das Recht das ethische
Minimum. Sie scheitert an ihrer handgreiflichen Unrichtigkeit,
an ihrem Widerspruch mit Beobachtungen, welche wir täglich
zu machen Gelegenheit haben.
Im Anschluß an Kant wollen viele den Unterschied darin
begründet sehen, daß die Ethik auf die Gesinnung und also
auf etwas Innerliches gerichtet sei, das Recht dagegen auf das
äußere Geschehen. Zu ihnen gehört auch Stammler, der
namentlich auch in seiner Lehre vom richtigen Recht mit dieser
Unterscheidung auszukommen sucht. Aber auch dieser Weg
kann nicht zum Ziele führen. Denn so richtig es an sich ist,
so ist es doch nur die halbe Wahrheit. Dem Recht freilich
kommt es nur auf die Tat an. Es ist aber nicht wahr, daß
es ebenso der Moral nur auf die Gesinnung ankäme. Die
Moral vermag nur nicht, wie das Recht, von der Gesinnung
abzusehen, in welcher die Tat geschieht. Sie legt daneben aber
auch auf die Tat das allergrößte Gewicht. Die Gesinnung ohne
die Tat ist für sie fast noch schlimmer, als wenn es beim Aus-
bleiben der Tat wenigstens auch an der rechten Gesinnung ge-
fehlt hat. Insbesondere jede dogmatisch gerichtete Ethik, wie
sie heute noch gewiß die herrschende ist und wie sie es vielleicht
immer bleiben wird, kann in ihrem Bestreben nach objektiv
gültigen Sätzen gar nicht umhin, an der guten Tat das Urteil
über die Gesinnung und nicht umgekehrt an der rechten Ge-
sinnung das Urteil über die Tat zu orientieren.
Versagen diese Lehren gegenüber jeder Art von Rechts-
philosophie, so ist allerdings auch für meine Auffassung das
Problem der Erklärung noch bedürftig. Denn die Moral er-
hebt mit Recht den Anspruch, das ganze Wesen des Menschen
zu ergreifen und namentlich auch sein ganzes soziales Dasein

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