Full text: Volume (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

Von Wesen und Begriff des Rechts.

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und verzweigtesten Einzelheiten hinein zu folgen. In Wirklich-
keit liegen die Dinge bekanntlich so, daß wir ziemlich früh an
der Grenze, die sich uns hier bietet, ankommen und daß man
eingesehen hat, daß gerade die Kasuistik aus juristisch-technischen
Gründen von Uebel ist. Nun reicht freilich der konkrete Rechts-
befehl im einzelnen Fall tiefer in die Determinationen des
Falles hinein, als die positive Norm. Aber auch ihm sind
schließlich Grenzen gesteckt. Ich wiederhole mein Beispiel von
der offenen Handelsgesellschaft und erinnere daran, wie sehr die
Entwickelung des geschäftlichen Unternehmens in solchem Falle
von den Fähigkeiten und dem — meist freilich durch das eigene
Interesse wirksamst angetriebenen, aber doch bei weitem nicht
immer vorhandenen — guten Willen der einzelnen Gesellschafter
abhängt, und wie da, wo bei einem Teile das eine oder das
andere fehlt, die Rechtsordnung mit allen ihr zu Gebote stehenden
Zwangsmitteln machtlos ist, ruft sie der andere Teil zu seinem
Schutze an. Das Werk eines Künstlers — und schließlich im
Grunde ein jedes Werk — hängt nicht nur von den Fähig-
keiten des Künstlers oder Werkmeisters, nicht nur von seinem
guten Willen, sondern auch von Disposition und Stimmung und
anderen Umständen ab, was Nuancen der Leistung bedingt, in
welche hinein keine Rechtsregel zu dringen vermöchte, geschweige
denn mit Gewalt etwas auszurichten.
Bedeutsamer noch für das Wesen des Rechts und dessen
Verständnis sind indessen die der Zwangsgewalt gezogenen
inneren Grenzen. Der Zwang steht in logischem Widerspruch
mit der Tendenz der Moral, was um so mehr in das Gewicht
fällt, als die Moral, ähnlich wie das Recht, das gesamte soziale
Leben — wenigstens der Möglichkeit nach — umspannt, als
die Moral den Anspruch erhebt, dem Menschen und seinem
gesamten Tun, nicht nur seinem Denken und Empfinden, sondern
auch seinem Handeln an sich und im Verkehr mit seinem Nächsten

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