Full text: Volume (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

Von Wesen und Begriff des Rechts.

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Betrachtung möglich sind und geübt werden, Recht, Sitte,
Gesellschaft, Wirtschaft, Religion rc., heillose Verwirrung und
Unübersichtlichkeit eintreten muß, oder aber, was die Regel
bildet, jeder Betrachter seine Linien allein gelten läßt, und so
den Blick für die vielen Möglichkeiten und anderen Gegeben-
heiten verliert. Das ist es, was man Ideologie nennt, was
ich wenigstens, im tadelnden Sinne des Wortes, so nennen
würde.
Uebrigens aber ist Ideologie keineswegs nur uns Juristen
spezifisch eigen. Hören wir, wie Dilthey darüber klagt*):
„Ich kann, wenn ich mich an die Erscheinungen eines
Zusammenhanges von Wirklichkeit halte, die meiner Anschauung
sich darbietenden Züge in einer sie zusammenhaltenden Ab-
straktion verknüpfen, in welcher als in einer Art von Allgemein-
vorstellung, das Bildungsgesetz dieses Zusammenhanges ent-
halten ist. Irgendeine, wenn auch noch so schwankende und
verworrene Allgemeinvorftellung der geschichtlichen Wirklichkeit
entsteht in jedem, der sich mit ihr beschäftigt hat und nun den Zu-
sammenhang dieser Wirklichkeit in einem geistigen Bilde vereinigt.
Solche Abstraktionen gehen auf allen Gebieten der Arbeit der
Analysis voran. Eine Wesenheit dieser Art war die geheimnis-
volle vollkommene Kreisbewegung, welche die alte Astronomie
zugrunde legte, sowie die Lebenskraft, in welcher die Biologie
vergangener Tage die Ursache der Haupteigenschaft des organischen
Lebens ausdrückte. Und jede Formel, welche Schleiermacher,
Hegel oder Comte aufgestellt haben, das Gesetz der Ge-
schichte auszudrücken, gehört diesem natürlichen Denken an, das
überall der Analysis vorausgeht und eben — Metaphysik ist.
Diese anspruchsvollen Allgemeinbegriffe der Philosophie der
Geschichte sind nichts als die nvtiones univerLales, welche

i) Einleitung in die Geisteswiffenschaften S. 119.

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