Full text: Volume (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

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Paul Krückmann,

entscheiden, ob in concreto Verschulden vorlag. Ich würde mangels
selbständiger Kausalfähigkeit keine Selbstgefährdung annehmen, so
daß die Frage des Verschuldens überhaupt nicht zur Unter-
suchung kommt. Der Vergleich des Deliktsunfähigen mit dem
Deliktsfähigen läßt sich freilich nicht immer genau durchführen,
man kann sich z. B. einen Erwachsenen nicht gut in einem
Kinderwagen denken. Aber entweder Hilst uns eine kleine, am
wesentlichen nichts ändernde Abwandlung doch zu dem Ver-
gleich, oder es wird uns die Notwendigkeit des Vergleiches
durch die sogleich zu besprechende tatsächliche Unmöglichkeit des
Verursachens überhaupt gespart. Kann jemand aus tatsäch-
lichen Gründen keine eigene Kausalbewegung vornehmen, so
ist damit auch das Verursachen ausgeschlossen, und dies wird
bei Deliktsunfähigen häufig genug zutreffen.
Unter Umständen liegt nämlich bei der Selbstgefährdung durch
dritte nicht einmal Kausalbewegung, auch nicht unselbständige,
des Gefährdeten oder Verletzten vor. Der Verletzte ist nichts als
passives Mittel und bloßer Gegenstand fremder Kausalbewegung
z. B. der Säugling, der vor die Eisenbahn geworfen wird.
Nun ziehe man die Grenze anders. Es wird ein Kind
von 2, 3, 4, 5, 6 Jahren dem daherstürmenden Gespann, der
Eisenbahn vorgeworfen, ihr entgegengeschickt, unter Drohungen
veranlaßt auf dem Bahnkörper zu bleiben. Wo ist die Grenze ?
Sie läßt sich überhaupt nicht ziehen, hier muß mehr oder
minder gewaltsam juristisch durchgegriffen werden und ist
eben auch vom BGB. in den §§ 827,828 durchgegriffen worden.
So bestätigt sich uns noch einmal das oben schon gewonnene
Ergebnis: Die Voraussetzungen und Grenzen der
Deliktsfähigkeit sind auch die Voraussetzungen
und Grenzen der selbständigen Kausalität.
Dies ist die eine Grenze. Es gibt noch eine zweite, die
aber nur tatsächlicher, nicht juristischer Natur ist. Beispiel: Der

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