Full text: Volume (Bd. 52 = 2.F. 16 (1907))

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E. Lübbert,

Kreditvertrag, aus welchem der mit der Vorleistung materiell
perfekt werdende Anspruch auf Widerleistung des Darlehens
entspringt. Daß dieser gegenseitige Kreditvertrag im Gesetze
nicht erwähnt ist, ändert nichts an seiner Existenz; auch andere
Verträge werden im Gesetz nicht genannt (welches ja über-
haupt im 7. Abschnitt nur einzelne Schuldverhältniffe regeln
will). Von unserem Standpunkte aus hätte freilich über den
5. Titel eine Bezeichnung jenes gegenseitigen, Vorleiftungs- und
Widerleistungspflicht statuierenden Vertrages, den wir Kredit-
vertrag nennen, gehört; nur dann wäre auch in Wirklichkeit
eine den Ueberschriften der anderen Titel entsprechende Ueber-
schrift gegeben worden. Wenn man über den 5. Titel das
Wort „Darlehen" gesetzt hat, so ist das gerade so, als ob man
den 6. Titel mit „Dienste" überschrieben hätte; die Real-
kontraktstheorie stellt die Sache zwar so dar, als ob das Wort
„Darlehen" ebenso die Bezeichnung für einen Vertrag wäre
wie „Kauf", „Dienstvertrag" rc.; aber wie bereits oben gesagt:
schon unser Sprachgefühl sträubt sich gegen diesen Gebrauch;
man schließt einen Kauf, einen Kreditvertrag, einen Dienst-
vertrag ab, aber man „leistet" Dienste und gibt oder nimmt
ein Darlehen. Der „Gesetzgeber" mag zwar geglaubt haben,
mit dem Worte Darlehen einen Vertrag zu benennen; aber der
Schluß, den wir aus dieser Ueberschrift des 5. Titels ziehen, ist
nicht der, daß das „Darlehen" ein „Realkontrakt" ist, sondern
der, daß eben jener 5. Titel eine von den Ueberschriften der
anderen Titel absonderliche Ueberschrift trägt.
Was das Gesetz in den §§ 607—610 bestimmt, muß
natürlich auch von der Gegenseitigkeitskonstruktion anerkannt
werden, und das wird auch von ihr anerkannt; aber das, was
in jenen Paragraphen geregelt wird, das halten wir für
einzelne Bruchstücke eines weit umfassenderen, durch den Kredit-
vertrag begründeten Schuldverhältnisses — während die An-

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