Full text: Volume (Bd. 52 = 2.F. 16 (1907))

328

E. Lübbert,
Keineswegs wollen wir etwa behaupten, daß das römische
Darlehen immer in einer stipulatio c e r t a versprochen wurde.
Die Quellen zeigen uns, daß die Parteien jenes Versprechen
sehr wohl in einer stipulatio incerta statuieren konnten, so
daß ß also fragte „100 te mihi crediturum spondes?1
und A diese Frage bejahte. Dies ist der bekannte Fall der
1. 68 D. d. v. o. 45, 1. Diese Stelle ist von jeher die Haupt-
stütze der Lehre vom Vorvertrag gewesen. Liegt hier ein Vor-
vertrag vor, wird hier ein contrahere versprochen? Wir
sagten oben, daß ein contrahere nur in einer stipulatio in-
certa hätte versprochen werden können; deshalb aber braucht
nicht umgekehrt in einer solchen stipulatio incerta notwendig
ein contrahere versprochen zu werden.
Man denke wiederum an den Tatbestand des oben er-
wähnten Tauschgeschäftes, und man nehme an, A verspreche
hier nicht „equum dare“ schlechthin, sondern er verspreche:
„ein Pferd zu geben tauschweise gegen einen 6 Monate später
ihm zu leistenden Ochsen". Auch diese Stipulation würde eine
incerta sein. Ihr ganz konform liegt die Stipulation der
1. 68 d. v. o.; hier verspricht A, dem B Geld zu borgen,
d. h. ihm Geld zu geben leihweise, gegen spätere Widerleistung.
Versprochen wird in beiden Fällen nicht eine einfache Leistung
schlechthin — sondern eine Leistung gegen eine (spätere) Gegen-
leistung : das (synallagmatische) Verhältnis, das zwischen Leistung
und Gegenleistung besteht, wird in dem von einer Seite ab-
gegebenen, sie zu ihrer Leistung verpflichtenden Versprechen zum
Ausdruck gebracht. Aehnlich würde es sein, wenn beim Kauf
A sich ausdrücklich verpflichten würde, ein Pferd zu geben —
aber nur Zug um Zug gegen 100. „Credere" war bei den
Römern nicht technischer Begriff für „einen Darlehensrealkontrakt
abschließen" (D. 12,12), credere heißt: eine Summe leisten,
die widerzuleisten ist — und zwar auf Grund einer der Leistung

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer