Full text: Volume (Bd. 52 = 2.F. 16 (1907))

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W. Schall,

beitsverhältnisses führt zu „richtigem Recht" nur der Weg seiner
kollektiven Gestaltung, d. h. daß mindestens auf Arbeiterseite
die Arbeiter einer oder mehrerer Unternehmungen vereint sich
an der Regelung der Arbeitsbedingungen beteiligen. Die
Rechtsform, in der heute diese kollektive Regelung erfolgt, ist
der Tarifvertrag. Die Verderblichkeit des zunächst unter-
nommenen ungeregelten Kollektivkampfes um die Arbeits-
bedingungen veranlage die rechtliche Festlegung der Arbeits-
bedingungen in den beteiligten Unternehmungen für bestimmte
Zeit, also die Rechtsform des Tarifvertrages. Der Tarifver-
trag ist nur eine Stufe in der Organisation des Arbeits-
verkehrs; hinter ihm sind bei zunehmender Sozialisierung
unseres wirtschaftlichen Lebens als weitere Entwickelungs-
stadien wenigstens denkbar, daß der Arbeitsverkauf von den
Verbänden der Arbeiter besorgt wird, während heute noch
der einzelne Arbeiter den Verkauf seiner Arbeit selbst unter-
nimmt, und schließlich die Verstaatlichung der Produktion.
Aber für unsere heutige wirtschaftliche und soziale Verfassung,
in der zwar die kollektive Festlegung der Arbeitsbedingungen
der gewerblichen Arbeiter als gerecht und notwendig erscheint,
aber die Freiheit des einzelnen die eigene Verfügung über
die Arbeitskraft verlangt, stellt der Tarifvertrag die voll-
kommenste Lösung des Problems der Gestaltung des Arbeits-
verhältnisses dar. Ist dies richtig, so muß als Aufgabe des
Staates betrachtet werden, daß er dem Tarifvertrag die ihm
angemessene rechtliche Ausgestaltung zu teil werden lasse.
Wie durch das geltende Recht die Aufgabe der recht-
lichen Gestaltung des Tarifvertrages gelöst wird, wurde in
den vorhergehenden Abschnitten untersucht. Das Urteil über
die Lösung kann nicht pessimistisch dahin lauten, daß der
Tarifvertrag heute „der unbedingt notwendigen rechtlichen An-
erkennung und Sicherung ganz und gar entbehre", wie

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