Full text: Volume (Bd. 52 = 2.F. 16 (1907))

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W. Schall,

Sechstes Kapitel.
Die Tarifgemeinschaft.
Der Tarifvertrag, wie er im bisherigen geschildert wurde,
stellt sich als ein Vertrag zwischen den beiden Parteien der
Arbeitgeber und Arbeitnehmer dar, durch welchen die beiden
Parteien (die mehreren einzelnen oder die Verbände) einander
zur Erfüllung der sich aus dem Tarifvertrag ergebenden Pflichten
verbunden sind. Der Tarifvertrag ist also ein gegenseitiger
Vertrag, bei dem sich der eine Teil um der Pflicht des anderen
willen ebenfalls verpflichtet. Diese Vertragsform erscheint als
angemessen, weil sich beim Tarifvertragsschluß die Arbeitgeber
und Arbeitnehmer als Parteien mit entgegengesetzten Interessen
gegenüberstehen, zu deren Ausgleich die gegenseitigen Leistungen
dienen, z. B. der Arbeitgeber, während der Tarifvertragsdauer
nicht weniger Lohn gewähren zu wollen als der Tarifvertrag
bestimmt, und der Arbeiter, während dieser Zeit nicht mehr als
den tarifgemäßen Lohn zu fordern. In dem Tarif glauben sie die-
jenige Formel für die gegenseitigen Leistungen im Arbeitsverhältnis
gefunden zu haben, welche ihrem derzeitigen Machtverhältnis
entspricht, und darum versprechen sie einander, ihre Arbeits-
verträge diesem Tarif gemäß einzurichten. Jedoch nur die
wesentlichen, nämlich die auf die Regelung des Arbeitsverhält-
nisses bezüglichen, und nicht alle Tarifvertragsbestimmungen
sind aus einem Ausgleich gegensätzlicher Interessen entsprungen,
vor allem nicht die Bestimmungen über die Durchführung des
Tarifvertrages (besonders über Errichtung von Schlichtungs-
kommissionen, Tarifausschüssen, Tarifämtern rc.); denn ist jener
Ausgleich im Tarif gefunden, so ist das Interesse an seiner
Durchsetzung gegenüber den einzelnen Beteiligten auf beiden
Seiten wie gegenüber nicht angeschlossenen Außenseitern ein

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