Full text: Volume (Bd. 38 = 2.F. 2 (1898))

Laienverstand und Rechtsprechung.

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Denn weil ein bestimmtes Rechtsgefühl sich daraus ent-
wickelt, daß man sieht, wie von Anderen, mit denen man zu-
sammenlebt, regelmäßig gehandelt wird, welche rechtliche Bedeu-
tung dem Thun und Lassen der Menschen zukommt, so wird
dieses Gefühl in der Regel im einzelnen Falle durchaus richtig
reagiren: alle die feinen und feinsten Ruancirungen in der
Bedeutung der Worte und Handlungen der Menschen, wie sie
das Leben in seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit hervor-
bringt und die der staatliche Gesetzgeber eben wegen ihrer
Mannigfaltigkeit nicht alle fassen, nicht alle auslegen kann,
das „Selbstverständliche" läßt in der Regel das Rechtsgefühl
richtig erkennen und richtig deuten.
Die Anrufung dieses Rechtsgefühls gilt allerdings heut-
zutage bei vielen Juristen als ein Kapitalverbrechen! Wir,
d. h. die Juristen, gehen zwar von der Meinung aus, daß
die eine Art von Recht, die stärker ist als das vom Staate
gesetzte Recht und dieses Gesetzesrecht vernichtet, das sog.
Gewohnheitsrecht, dieses Rechtsgefühl, wenn nicht als
Erforderniß seiner Entstehung voraussetzt, so doch jedenfalls als
nothwendige Begleiterscheinung nach sich zieht; wir Juristen wissen
auch, daß die weitaus größte Zahl der staatlichen Gesetze
nichts Anderes sind als gesetzlich fixirte Gewohnheitsrechtssätze,
also Rechtssätze, die aufs engste mit diesem Rechtsgefühl ver-
knüpft sind, und da — sollte man denken — müßte gerade
der Jurist nothgedrungen der Ansicht sein, daß eine Entschei-
dung, die diesem Rechtsgefühl widerspricht, im Zweifel un-
richtig sein wird. Denn enthält das Gesetzesrecht in der
Hauptsache niedergeschriebene Gewohnheitsrechtssätze, und haben
letztere das Eigenthümliche, daß in denjenigen, die danach
leben, das Gefühl entsteht, es würde auch — unter gleichen
Umständen, bei gleichem Thatbestand — wieder und wieder
in gleicher Weise von den Volksgenossen gehandelt, so muß
XXXVIII. 2. F. II.

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