Volltext: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 38 = 2.F. 2 (1898))

I'aienverstand und Rechtsprechung.

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lebens der Weg geebnet worden ist. Welcher Anhaltspunkt
zu einer unerschöpflichen Fülle richtiger und gesunder Rechts-
entscheidungen ist nicht gegeben schon allein durch den § 359
des Entwurfs! Gar mancher, dem Anschein nach zu starre und
abstrakte Satz des Obligationenrechts, den der Entwurf nach-
her im Einzelnen aufstellt, wird von hier aus in einer gesunden
Praxis sein Korrektiv und die erforderliche Elastizität gewinnen
können. Muß nicht schon nach diesem § als über das Ziel
hinausschießend die allerjüngst erhobene Klage erscheinen, wo-
nach unser Gesetzentwurf dem volksthümlichen Rechtsbewußt-
sein absolut feindlich gegenüberftehen und es dem Richter ver-
wehren soll, das Rechtsbewußtsein der betheiligten Kreise
zu befragen, oder den Wechsel und Wandel des Volks-
lebens zu berücksichtigen ?"
Es ist charakteristisch für unsere heutige Jurisprudenz, daß
man zwar die staatlichen Normen bezüglich ihres Inhalts,
ihrer Wirkung rc. von allen nur möglichen Seiten aus be-
trachtet und sich eingehend mit ihnen beschäftigt Hat, dabei
aber mit der Wirkung der Verkehrssitte, der Lebenserfahrung
auf die Rechtsprechung, obwohl diese sicher eine ebenbürtige
Bedeutung einnimmt, sich fast gar nicht beschäftigt hat,
daß man die unmittelbare und stete Einwirkung dieser Faktoren
auf das Recht fast gar nicht beachtet hat.
Während eme überreiche Litteratur über das Gewohn-
heitsrecht entstanden ist, hat man die Sätze der Gewohn-
heiten des täglichen Lebens, die Rechtssätze, die der
Richter täglich zur Anwendung bringt, gänzlich übersehen;
wahrscheinlich weil das, was sie aussprechen, zu selbstverständ-
lich erschienen ist, um es einer näheren Betrachtung zu widmen.
Nur wo es besonders stark hervonrat — im Handelsrecht —,
hat man mit diesen Sätzen, mit den Sätzen der Gewohn-
heiten der Handeltreibenden, sich näher befaßt.
XXXVIII. 2. F. II.

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