Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 38 = 2.F. 2 (1898))

Laienverstand und Rechtsprechung.

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Leben den Worten diese Bedeutung zukommt oder nicht, denn
es verstößt gegen Treu und Glauben, gegen das hierdurch ge-
forderte anständige Gebahren, wenn Jemand, der von
einem Anderen ohne Entgelt einen Vermögensvortheil er-
langen soll, dessen hierauf gerichtetes Versprechen zu seinen
Gunsten ausbeuten und mehr herausschlagen will, als worauf
das Versprechen nach der Sprechweise des Versprechenden geht.
Dasselbe gilt natürlich auch von der Auslegung von Hand-
lungen, nicht bloß von Worten *). Besonderes gilt es auch von
der Auslegung letztwilliger Verfügungen 1 2).
Selbstverständlich gelten die Vorschriften der §§ 157, 242
auch für derForm bedürftige Rechtsgeschäfte, denn
auch diese bedürfen der Auslegung genauso, wie die form-
losen, und ihre Auslegung ist auch gestattet3 4).
XVII.
Die §§ 157 und 242 wonach für die Auslegung
der Verträge und für den Inhalt der Schuldverhältnisse die
Verkehrssitte maßgebend sein soll, gehören zu den allerwich-
ligsten Vorschriften des B.G.B. überhaupt.
Denn weitaus der Mehrzahl aller Prozesse liegen
1) Ueber die Auslegung des Schenkungsvertrags, Auftrags, der Leihe,
des Depositum, des PfandoertragS, der Bürgschaft vergl. meine Aus-
legung, S. 165ff.; der Strafgedinge, deS Verzichts, deS Anerkenntniß-
vertrags, der vereinbarten Form, deS Vergleichs ibiä. S. 171 ff., Versprechen
der Leistung an einen Dritten S. 175ff.; der Auslegung einseitiger
Rechtsgeschäfte (Vollmacht, Offerte, Mahnung, Genehmigung) S. 198 ff.
2) Meine Auslegung, S. 202ff.
3) Ueber die Auslegung formaler Rechtsgeschäfte überhaupt vergl.
meine Auslegung, § 17 120ff.
4) Es spricht wenig für die scharfe Trennung zwischen Theorie und
Praxis, wie sie in unserer Wissenschaft sich findet, daß man sich bis jetzt
so wenig mit den Rechtssätzen der Auslegung, welche der Richter jeden
Tag anwendet, beschäftigt hat.

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