Full text: Volume (Bd. 38 = 2.F. 2 (1898))

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Dr. Danz,

seinen Laienverstand, die Lebensanschauung seiner
Volksgenossen verwendet, so folgt hieraus weiter, daß
auch jede Entscheidung, insoweit sie hierauf beruht, mit dem
Rechtsgefühl des Volkes übereinstimmen muß, falls sie
richtig ist. Denn dieses Rechtsgefühl ist in der Hauptsache
nichts Anderes als das, was so oft als „Treu und Glauben"
angerufen wird, aber bezogen auf die Allgemeinheit; wenn
der Richter seine Entscheidung auf „Treu und Glauben" stützt,
so sagt er damit: es würde die eine Prozeß pari ei, der
Einzelne in seinem gerechtfertigten Vertrauen, in seinem
gerechtfertigten Glauben getäuscht werden, falls der Richter
anders entschiede; bezieht man sich auf das Rechtsgefühl des
Volkes, so meint man damit einen besonderen, in einem
größeren Personenkreise herrschenden Glauben.
Das Rechtsgefühl der Angehörigen eines ganzen Volkes,
der Angehörigen eines engeren Kreises des Volkes, der An-
gehörigen eines bestimmten Territoriums entwickelt sich, ent-
steht in folgender Weise: der dem betreffenden Kreise Angehörige
lernt durch das Leben in der bestimmten Umgebung die hier
herrschenden Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten kennen, mögen
diese sich auf dem Gebiete des Rechtes, der Sitte oder der Re-
ligion rc. bewegen.
Jede Gewohnheit, jede regelmäßig eintretende Erscheinung
erweckt in dem Menschen das Gefühl, daß auch in Zukunft
die gleiche Erscheinung eintreten, die gleiche Handlung vorge-
nommen werden wird. Dieses Gefühl, dieser Glaube wird
verletzt, wenn das erwartete Ereigniß ausbleibt, die erwartete
Handlung nicht eintritt.
Wenn es Sitte, die Gewohnheit anständiger Leute ist,
beim Eintritt in das Zimmer den Hut abzunehmen, so wird
mein Anstands-Gefühl verletzt, wenn Jemand mit dem
Hut auf dem Kopf in mein Zimmer tritt; wenn es religiöse

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