Full text: Volume (Bd. 35 = N.F. 23 (1896))

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L. Ja cobi,

Wie dunkel — um nicht mehr zu sagen — diese Be-
stimmung ist, soll noch weiterhin erörtert werden. Hier inter-
essirt uns zunächst die Frage: Was sagt das deutsche
Volksbewußtsein zu diesem, im Entwurf aufgestellten
Grundsatz, daß das Versprechen nicht verbindlich ist?
Die deutschen Rechtssprichwörter geben die Antwort mit
genügender Deutlichkeit5 ß):
Der Volkswitz hat zwar einen Spruch für Leute, die
ihre Schulden nicht bezahlen: „Versprechen ist ehrlich. Halten
beschwerlich" (II se ruine ä promettre, et s’acquitte ä ne
rien donner). Aber das lft kein Rechtsprinzip.
Das Rechtsbewußtsein des Volkes drückt sich
wie folgt aus:
„Verheißen macht Schuld", „Versprechen macht Schuld",
„Versprechen und Halten steht wohl bei Jungen und Alten",
„Wer nichts versprach, braucht nichts zu halten".
„Ein Wort muß so gut sein, als Brief und Siegel."
„Wenn das Wort heraus ist, so ist es eines Anderen."
„Wenn das Wort von der Zunge, so ist der Mann
gebunden."
„Wer gebunden ist, der sitzt fest."
„Man nimmt den Mann beim Wort und den Hund
beim Schwanz." „Man saßt das Pferd beim Zaum,
den Mann beim Wort." (So in vielen ähnlichen Wen-
dungen.)
Ferner: „Niemand kann sich von seinem Versprechen
sagen" (d. h. lossagen). „Weß sich der Mann verbindet,
deß bleibt er gebunden." „Versprechen will ein Halten
haben." „Was du nicht halten willst, sollst du nicht ver-
sprechen." „Ein Schelm, der sein Wort nicht hält."

55) Bergt, die Sprichwörter - Sammlungen von Wilh. Koerte
(Leipzig 1847) und Graf und Dietherr (Nordhausen 1867), S. 227 ff.

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