Full text: Volume (Bd. 35 = N.F. 23 (1896))

Versprechen und Vertrag.

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einmal zum Ziele. Denn in dem Augenblick, wo durch die
sog. Annahme der sog. Vertrag zu Stande kommt, hat die
Ungewißheit der Person des Berechtigten auch
bereits aufgehört. Der sog. Vertrag kommt also immer-
hin zu Stande mit einer bestimmten Person5').
Die angeblichen geschichtlichen Beweise für die Existenz
von Verträgen mit unbestimmten Personen sind hinfällig. Sie
reduciren sich im Wesentlichen aus einen Fall bedingter
Tradition — den fog. jactus missilium52) — und ge-
wisse Vollmachtsklauseln, welche sich aus der Geschichte
51) S. Biermann in diesen Jahrbüchern, 32 S. 296—315.
Nach Dernburg, Pand., II § 23 Note 4 erfolgt der Vertragsschluß
dadurch, daß ein Dritter — an Stelle des dem Schuldner gegenüber anonym
bleibenden Gläubigers — acceptirt. — Savign y hatte, Obl. Recht (1851),
II S. 89 ff., vom Standpunkte des gemeinen Rechts aus geleugnet,
daß Verträge mit unbestimmten Personen möglich seien. Er stellte aber
freilich ebendaselbst auch in Abrede, daß aus Auslobungen oder anderen
öffentlichen Versprechen gemeinrechtlich ein Klage recht entstehe. Frei-
willig werde allerdings oft gezahlt. Dagegen bemerkt Dernb ur g a. a. O.
§ 9 N. 10 mit Recht: „Gesunde Resultate erhalten wir nur, wenn wir
den Auslobenden als mit der Auslobung gebunden ansehen".
Behrend, Deutsches Privatrecht, in v. Holtzendorff's Ency-
klopädie (5. Aufl.), S. 597 beschränkt sich auf die Andeutung: Es sei de
lege ferenda zwar nicht wünschenswerth, das einseitige, nicht angenommene
Versprechen allgemein für verbindlich zu erklären. Wohl aber dürste
es gerechtfertigt sein, dem öffentlich erklärten, einseitigen
Versprechen in gewissen Fällen verbindliche Kraft bei-
zumessen — auch abgesehen von der Auslobung und der Bertrags-
offerte in incertarn personam,
52) Man sagt nämlich: giebt es dingliche Verträge mit incertae
personae, warum soll es nicht auch Schuldverträge mit incertae
personae geben? (So z. B. Hoelder, Pand., I (1891) S. 221 N. 4.
Dagegen mit Recht Pernice in der Krit. Vicrteljahrfchr., 35 (1893)
S. 73.) Das Argument erledigt sich indessen sehr einfach. Weder durch
die Tradition im Allgemeinen, noch durch den jactus missilium im Be-
sonderen zieht man sich eine Verbindlichkeit zu ^ninii contrahitur), Sie
sind nicht einmal römische „contractu»", viel weniger „Vertrag" im deutschen
Sinne. S. auch Pernice, Parerga, n S. 108.

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