Full text: Volume (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Adolf Merkel, Jhering.

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bekräftigte in ihm das Gefühl hiervon und erhob ihn auf jene
Höhe von Befriedigung und Glücksempfindung, von welcher die
Lieblinge der Götter von diesen abgerusen zu werden pflegen.
Sein Arbeitsprogramm freilich hat er nicht erschöpft. Die
Erfüllung desselben—die Vollendung des „Geistes", des „Zwecks
im Recht", der begonnenen Rechtsgeschichte — würde wohl
noch ein zweites Leben von ähnlicher Dauer in Anspruch ge-
nommen haben. Jhering blieb der Jüngling, der mit
tausend Masten nach weitest gesteckten Zielen auszieht , diese
aber sich bald entschwinden sieht, weil jeder Punkt des Strom-
gebietes, in dem er sich befindet, seine Aufmerksamkeit fesselt,
Nebenflüsse ihn locken, sie stromaufwärts zu verfolgen, die
Fülle des Lebens an ihren Ufern ihn zum Verweilen, ihr
reiches Hinterland ihn zu Forschungsexpeditionen einläd.
Indessen hat die Art seines Geistes sich ausgesprochen
und auf die wissenschaftliche Bewegung den ihr gemäßen Ein-
fluß gewonnen. Trotz der Nichtvollendung jener Arbeiten ist
daher sein Lebenswerk kein bloßes Stückwerk, es repräsentirt
den ganzen Mann in der Fülle seiner Kräfte.
Dieses Werk einer abschließenden Beurtheilung unter-
werfen zu wollen, wäre heute verfrüht. Aber beim Aus-
scheiden eines solchen Mannes aus unserem Kreise drängt sich
das Bedürfniß auf, seine Persönlichkeit und das Ganze ihrer
Leistungen uns in möglichster Klarheit zu vergegenwärtigen,
und unwillkürlich suchen wir uns wenigstens eine vorläufige
Rechenschaft zu geben über die Stellung, welche ihm in der
Geschichte der Wissenschaft und in der Walhalla ihrer vom
Leben getrennten Helden zukommt. Und im Sinne einer solchen
vorläufigen Orientirung will ich hier von ihm sprechen.
Von dem Manne und seinem Werke. Wie sehr gehören
Beide zusammen! Wer dieses beschreibt, der charakteristrt da-
mit zugleich die Persönlichkeit, und wer die Persönlichkeit

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