Full text: Volume (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Der Besitz.

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uralten römischen Gedanken an, daß der Berechtigte sein Recht
durch Selbsthilfe geltend machen darf und obrigkeitliche Hilfe
nur dann anzurufen braucht, wenn er auf Widerstand stößt,
wofür den Gegner, wenn der Widerstand sich als unberechtigt
erweist, Strafe trifft. Unsere heutige Vorstellung, daß jeder,
der gegen den Anderen einen Anspruch hat, von vornherein
den Rechtsweg einschlagen muß, war den Römern in alter
Zeit gänzlich unbekannt. Von besonderen Verhältnissen abge-
sehen, die ihrer Zweifelhaftigkeit wegen der Feststellung durch
den Richter bedurften, und bei denen die Nachsuchung eines
Richters als Eigenthümlichkeit der Rechtsverfolgung besonders
betont war (legis actio per judicis postulationem), hielt der
Römer eS für sein gutes Recht, sein Recht auf dem Wege der
Selbsthilfe zu verwirklichen. Aufs unzweideutigste tritt dies
darin hervor, daß bei den drei wichtigsten Formen des alten
Prozesses die Vornahme des Aktes der Selbsthilfe in der da-
für durch das Gesetz vorgezeichneten solennen Form die Vorbe-
dingung der Einleitung des rechtlichen Verfahrens war, und
sie selber trugen danach ihren Namen (legis actio per vindi-
cationem, per manus injectionem, per pignoris capionem).
An diesen uralten römischen Gedanken knüpft auch der
Besitzschutz an. Auch dem natürlichen Besitzer, dem Detentor,
ist es unverwehrt, sich durch Anwendung von Gewalt in seinem
Besitzverhältniß zu behaupten, nur mit einer Beschränkung re-
lativer Art, deren ich unten beim Detentionsverhältniß ge-
denken werde, nämlich nicht demjenigen gegenüber, von dem
er den! Besitz in Händen hat. Es ist dies nur eine Kon-
sequenz des ganz allgemeinen Rechtsgrundsatzes, daß Gewalt
mit Gewalt zurückgewiesen werden darf („vim vi repellere
licet“) in besonderer Anwendung auf das Besitzverhältniß.
Aber von dieser Anwendung der Gewalt zum Zwecke der
Selbstvertheidigung im Besitzverhältniß, d. i. der Be-

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