Full text: Volume (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

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Rudolf von Jhering,

ökonomischen Werth, er gewinnt ihn nur dadurch, daß er die
ökonomische Verwerthung der Sache (faktische oder rechtliche)
ermöglicht, wäre es auch nur wie bei einem Gemälde das
bloße Sehen. Würde mir das Gemälde in einer verschlossenen
Kiste übergeben, so wäre der Besitz desselben gänzlich werthlos
für mich — Besitz ohne die Möglichkeit, von der Sache etwas
zu haben, ist das Werthlosefte von der Welt, sein Werth be-
steht lediglich in der angegebenen Funktion als Mittel zum
Zwecke.
Entziehung des Besitzes stellt sich demnach als eine Lahm-
legung des Eigenthums dar, die Forderung des Rechtsschutzes
gegen Besitzentziehung mithin als ein absolutes Postulat der
Eigenthumsidee, dieselbe steht und fällt mit ihm, und es er-
giebt sich daraus, daß es nicht nöthig ist, sich noch nach einem
anderen Grunde für den Besitzschutz umzusehen, er ist mit
dem Eigenthume gegeben.
Allein das römische Recht hat dem Besitzrecht des Eigen-
thümers noch eine ungleich weitere Ausdehnung gegeben, als
sie in dem obigen Falle, an dem nur der Gegensatz von Besitz
und Eigenthum zunächst in einfachster Gestalt veranschaulicht
werden sollte, zu Zage tritt. Das römische Recht gewährt
dem Eigenthümer das Mittel, den Besitz aus der Hand eines
jeden, bei wem er die Sache auch findet, und wie derselbe
auch in ihren Besitz gelangt sei, zu sick zurückzubringen.
Das Mittel, das in ältester Zeit in einem solennen Akte der
Selbsthilfe bestand und nur. wenn er auf Widerstand stieß,
zu einem rechtlichen Verfahren führte, ist die rei vindicatio.
Auf ihr beruht die eigenthümliche Signatur des römischen
Eigenthumsbegriffs im Gegensätze zu der Gestaltung desselben
in den Rechten anderer Völker. Bei dieser Gelegenheit tritt
die römische Auffassung von der Bedeutung des Besitzes für
das Eigenthum in einer Weise zu Tage, wie sonst nirgends:

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