Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Zur Lehre von der Kompensation.

175

einander einfach abgegolten sein. Nur bei einer dieser beiden
Auffassungen sagt die Stelle das Außergewöhnliche, daß eine
Verschiedenheit der accessorischen Zinsansprüche ein Hinder-
niß für die Kompensation gleich hoher Hauptforderungen
nicht bilde. Für unsere Anschauung ein ganz fremdartiger
Gedanke. Verständlich nur vom Standpunkte des römischen
Rechts, das den Zinsenanspruch vermöge der geringeren Klage-
kraft desselben nicht völlig gleichwerthig mit dem Kapitals-
anspruche anerkennen konnte, und das andererseits, wollte es
die praktische Brauchbarkeit des Instituts der Kompensation
nicht gleich Null setzen, Zinsansprüche bei der Abwägung der
beiderseitigen Hauptansprüche für indifferent erklären mußte»).
Die römischen Rechtsquellen stellen in der Kompensations-
lehre, wie auch sonst a), mehrfach die ratio der aequitas gegen-
über. L. 7 C. 8, 43 erklärt, daß die ratio compensationis
quoad concurrentes quantitates eine Klage auf Zinsen aus-
schließe, I. 5 0. 4, 31, daß bezüglich dieser Quantitäten durch
die aequitas compensationis eine Mitberechnung von

1) Uebereinstimmend und für das römische Recht m. E. richtig das
Reichsoberhandelsgericht (Entsch. Bd. 25, S. 38) auf Grund der oben an-
geführten Quellenzeugnisse. Doch dürfte sein Erwägungsgrund» daß bei
einer Verrechnung der Kompensationsforderung zunächst auf die Zinsen dev
Klageforderung die gestattete Verzinsung des Saldo einen Anatocismus
verbergen würde, kaum ein römisch-rechtlicher Gedanke gewesen sein, da das
römische Recht eine dem Art. 291 HGB. entsprechende Bestimmung nicht
hatte. Ohne Zweifel entspricht die entgegengesetzte Ansicht des Reichs-
gerichts (Entsch. Bd. 17, S. 142) mehr dem modernen Rechtsbewußtsein.
Reicht die Kompensationsforderung nicht einmal zur Deckung der Zinsen
der Hauptforderung aus, so würde für das Handelsrecht Art. 291 zur
Anwendung kommen können. Innerhalb des bürgerlichen Rechts könnte
eine Verzinsung solchen Zinsenrestes doch nicht gefordert werden. Art. 291
scheint mir aber ein Beweis für die im modernen Rechte anerkannte Selb-
ständigkeit und volle Klagbarkeit des Zinsenanspruchs und damit für seine
Kompensabilität zu sein.
2) Bergl. l. 7 § 1 D. 4, 1, 1. 32 § 4 D. 35,2.

12*

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer