Full text: Volume (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

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Adolf Merkel,

später vertretenen, das unbedingte Primat für dieses Moment
im juristischen Denken in Anspruch nehmenden, Standpunkte
vollkommen entspricht. Nicht selten gaben praktische Fälle, die
einen Widerspruch zwischen überlieferten Lehrmeinungen und
den Bedürfnissen des Rechtslebens darzuthun schienen, den An-
laß zu diesen Arbeiten. So zu seiner Bearbeitung der Lehre
von der Gefahr beim Kaufe. Die Betheiligung an der Spruch-
praxis, die Ausarbeitung von Gutachten, die Erörterung von
Fällen in juristischen Gesellschaften und seine Praktika beein-
flußten in weitgehendem Maße die Richtung seiner dogma-
tischen Untersuchungen und übten zugleich auf seine allgemeineren
wissenschaftlichen Ansichten einen tiefgehenden, ja revolutioniren-
den Einfluß aus. Auf die dort empfangenen Anregungen sind
auch die trefflich gearbeiteten Rechtssäüe, die bei einer allge-
meinen Würdigung Ihering' s nicht unerwähnt bleiben dürfen,
zurückzusühren. Speziell charakteristisch für ihn ist seine viel-
benutzte „Jurisprudenz des täglichen Lebens", die das Klein-
leben des Tages mit seinen mannigfachen Komplikationen in
das Beobachtungsfeld des Juristen rückt.
Nicht einer begrifflichen, sondern einer kasuistischen Probe
unterwirft er mit Vorliebe die Theorien. Was bei kasuistischer
Durchführung für die betheiligten Verkehrsinteressen heraus-
kommt, darin liegt für ihn das hauptsächlichste Werthmaß
für ihre Beurtheilung, und zwar auch der lex lata gegenüber,
da er deren Zweckwidrigkeit nicht ohne zwingenden Grund
gelten läßt. Ebenso gern nimmt er seinen Ausgang von diesen
Interessen und prüft, ob die schützende Decke des Rechts die-
selben zur Genüge umschließe. Ergeben sich hier den herr-
schenden Theorien zufolge Lücken, so werden ihm diese Theorien
verdächtig. Er vermuthet, daß sich Vorurtheile zwischen Recht
und Bedürfniß eingeschoben haben, daß das Deficit nicht den
römischen Juristen, sondern der Enge des dogmatischen Ge-

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