Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Jhering.

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fähigung sich begründet habe. Wenn er gleichwohl als
Docent nicht entfernt die Stellung eines Vangerow er-
rungen hat, so lag der hauptsächlichste Grund hiervon wohl
darin, daß sein Naturell die vornehme, magistrale Haltung
ausschloß, die hier für große Erfolge mitbedingend ist und es
ihm zugleich erschwerte, den Sorgen der studentischen Mehr-
heiten in Bezug auf ein den gesammten Stoff gleichmäßig
umfassendes und überall zuverlässiges und verständliches Heft
genügend zu entsprechen. Für die Uebungskollegien kommen
diese Momente natürlich nicht in Betracht, und hier befand
sich Jhering ganz in seinem Elemente. Mir persönlich
waren die Vorträge Jhering's weitaus interessanter als
diejenigen Vangerow's. Dieser ließ mich, nachdem ich
jenen gehört hatte, völlig unberührt.
Begeisterter Jurist ward Jhering durch die Lek-
türe im eorpu8 Huris. Der juristische Kosmos, in den er
hier eintrat, diese Welt aus rein geistigem Stoffe, in der ihm
„die treibende Kraft des Begriffs" eine Wahrheit geworden
zu sein schien, und die geistige Kraft und Freiheit ihrer Herren
und Meister, der römischen Juristen, fascinirten ihn. Die
Jurisprudenz erschien ihm als eine Wissenschaft, in der trotz
ihrer praktischen Aufgaben dem spekulativen Talente freie
Bahn gegeben sei, und in welcher dieses Talent jenen prak-
tischen Aufgaben am besten diene, indem cs den eigenen Ge-
setzen folge. Im dritten Bande des Geistes und in der Ab-
handlung, mit welcher er diese Jahrbücher einführte, hat er
die Aufgaben, welche spekulativer Begabung hier gestellt sind,
eingehend charakterisirt und sie zugleich verherrlicht. Die Wir-
kungssphäre für diese Begabung ist die von Jhering soge-
nannte höhere oder produktive Jurisprudenz, die der
niederen oder bloß receptiven von ihm gegenübergestellt wird.
In ihrem Bereiche gilt es, den römischen Juristen nachzu-

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