Full text: Volume (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

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Adolf Merkel,

der Darstellung. Der Stoff scheint seiner Seele fern zu
liegen. Bei Savigny ist es, wie Jhering sagt,^nicht
das Subjekt, welches über den Stoff sich äußert, sondern
es ist der Stoff selbst, der die Form des Gedankens an-
nimmt. Ihering' s Stil dagegen ist von lebhafter Färbung,
häufig oratorisch und leidenschaftlich; der Autor verschwindet
hier nicht mit seinen Empfindungen, sondern spricht uns
lebendig aus jeder Zeile an, und er will nicht bloß die Sache
klären, sondern zugleich den Leser für sie und seine Auffassung
derselben erobern. Er prägt Stichwörter und geflügelte Worte,
die als gangbare Münze für seine Ueberzeugungen werben
sollen. Fülle und Breite charakterisiren die Darstellung, sie
schöpft aus dem Vollen und will die Fragen bis zu trivialer
Deutlichkeit erhellen und restlos erledigen. Ein Hauptbehelf
ist dabei die Anknüpfung an das sinnliche Denken. Jhering
ist ein Meister in der Verbindung des Abstrakten mit dem
Anschaulichen. Seine sog. „naturhistorische Methode" ge-
hört durchaus (mag auch Jhering ihr vorübergehend eine
andere und höhere Bedeutung zuerkannt haben) diesem Zu-
sammenhang an. Vor allem gehört aber hierher die Fülle
treffender und vielfach witziger Bergleiche. In diesem Punkte
und noch in einigen anderen erinnert Jhering an denjenigen
unserer Philosophen, der ihm bezüglich der Grundtendenzen
seiner Philosophie am fernsten steht, an Schopenhauer, der
unter den Philosophen ähnlich wie Jhering unter den Juristen
durch seine Sprache, und speziell durch deren Klarheit, die Fülle
geistreicher Vergleiche und die beständige Anknüpfung des ab-
strakten an das anschauliche Denken hervorragt. Auch ist
Beiden der noch zu besprechende Kampf gegen den Begriffs-
kultus gemeinsam.
Kaum bedarf eS der Bemerkung, daß in den hier hervor-
gehobenen Eigenschaften Jhering's eine eminente Lehrbe-

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