Volltext: Band (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Jhering.

9

moderner Mensch von ausgebildetstem Wirklichkeitssinne, ohne
kontemplative Neigungen, ein Freund nur des Hellen Tages-
lichtes, Feind des Helldunkels und der Romantik in Poesie
und Leben. In ihm lebte ein mächtiger Trieb nach geistiger
Beherrschung der in das Bereich seines Denkens eintretenden
Objekte, und dieser äußerte sich in zweifacher Weise, einerseits
in dem Streben nach unbedingter Deutlichkeit der Wahr-
nehmungen und nach möglichster Fülle des verwerthbaren an-
schaulichen Materiales, und andererseits in dem raschen Empor-
klimmen seiner Gedanken zu weitausschauenden Gesichtspunkten.
Wie hoch er sich aber auch in der Sphäre des Allgemeinen
erhob, das Konkrete blieb ihm immer in vollster Klarheit
gegenwärtig, ein Adler, der sich in Bergeshöhe erhebt, dabei
aber, was unten kreucht und fleugt in „gemeiner Deutlichkeit"
vor Augen hat. Auch beeinträchtigte die Betrachtung aus der
Höhe nicht seine Wärme für den Gegenstand. Was Jhering
beschäftigte, das ergriff er nicht bloß mit dem Intellekte, sondern
mit allen seelischen Kräften. Der ganze Mann ging immer
zusammen und er identificirte sich mit seinen Problemen.
Alle diese Eigenthümlichkeiten spiegeln sich im Stil seiner
wissenschaftlichen Werke und verleihen ihm seinen Reiz und
seine Bedeutung. Jhering's Wirksamkeit ist in hohem Grade
durch diesen Stil begünstigt worden. Bor allem hat der-
selbe dazu beigetragen, daß seine Schriften über die Grenzen
Deutschlands hinaus sich verbreitet und ihm begeisterte An-
hänger im Auslande geworben haben. Es verlohnt sich, diesen
Stil mit demjenigen Savignh's zu vergleichen. Diesen
Beiden ist ja, wie mir scheint, kein anderer deutscher Jurist
in diesem Punkte gleichzustellen. Beiden ist krhstallhelle Klar-
heit gemeinsam, aber im Uebrigen welcher Gegensatz! Bei
Savigny eine vornehm-kühle Ruhe, Ausgeglichenheit der
Farben, Verschwinden des Autors und jeder Tendenz hinter

Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer