Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Ueber den § 267 des Entwurfes des bürgerl. Gesetzbuchs. 101
nicht zur Tilgung aller Forderungen des Gläubigers aus-
reichende Zahlung anzurechnen ist, kommen nicht häufig vor.
In meiner mehr als 50-jährigen Thätigkeit in einem höheren
Gerichte und in höchsten Gerichtshöfen haben mir indessen
manche Entscheidungen Vorgelegen, welche, folgend den in den
gangbaren Lehrbüchern des gemeinen Rechts aufgestellten Grund-
sätzen, zu sehr unbefriedigenden Resultaten geführt hatten. Und
gleich wie mir dadurch die Veranlassung gegeben worden,
mich eingehend mit der Frage zu beschäftigen, ob man nicht
bisher bei Auslegung des römischen Rechts von unrichtigen
Gesichtspunkten ausgegangen sei, so find es auch jene Erfah-
rungen, aus denen ich die Aufforderung entnehme, meine
durch die zweite Lesung keineswegs vollständig beseitigten Be-
denken nicht zu unterdrücken.
In meiner Abhandlung, abgedruckt im 14. Bande dieser
Jahrbücher S. 428 ff., habe ich darzulegen gesucht, wie die
Bestimmungen des römischen Rechts in Einklang zu bringen
seien mit der Natur des Geschäfts der Zahlung und der
Stellung, welche dabei Schuldner und Gläubiger zu einander
einnehmen, und ferner zu welchem wirren Durcheinander der
verschiedenartigsten Ansichten die Vorstellung geführt hat, daß
die wenigen unsere Frage berührenden Gesetzesstellen im Wesent-
lichen nur Vorschriften von positivem Charakter enthielten, wo-
durch bei der Zahlung dem Schuldner und eventuell dem
Gläubiger ein Bestimmungsrecht gegeben sei.
Dabei habe ich insbesondere auch darauf hingewiesen,
wie diese Vorstellung schon bei der Auslegung des ersten Theils
der I. 1 Dig. 46. 3 auf Abwege geführt habe.
Daß der Schuldner bei der Zahlung Herr seiner Hand-
lung ist, also ihr durch die Erklärung, welche von den ver-
schiedenen Forderungen des Gläubigers er damit tilgen will,
eine konkrete Gestalt geben und den Gläubiger nöthigen kann,

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