Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 68 = 2.F. 32 (1919))

Das bürgerliche Gesetzbuch für Ungarn. ZZZ
dächtnis nicht entehrt werden. Man denke ferner an den
Schutz des Bildnisses, des Briefgeheimnisses des Ver-
storbenen, an den Schutz gegen unbefugte Veröffentlichung
seiner nicht für die Oeffentlichkeit bestimmten Geistes-
schöpfungen usw. Wem gehören alle diese Rechte? Die
herrschende Doktrin, welche die Rechtssubjektivität mit dem
Tode des Menschen enden läßt, bleibt vor diesen Rechten
ratlos stehen. Bekker lehrt in seinen Pandekten, daß die
Leiche im Eigentum des Erben stehe (Pand. § 77) — ein
geradezu monstruoser Gedanke, den nur die Zwangslage der
heutigen Doktrin begreiflich macht, nach welcher nur ein
lebendes Rechtssubjekt Rechtsschutz erhalten kann. Und wie
verfährt die Doktrin mit dem Rechte am Bildnis, am Leu-
mund, an der Ehre, am Geheimnis des Verstorbenen?
Diese Rechte werden bald überhaupt nicht als subjektive
Rechte angesehen, bald ebenfalls nur als solche der Erben
oder der Anverwandten. Die Frage ist in der Literatur
hauptsächlich unter dem Titel „Verleumdung und Be-
leidigung von Verstorbenen" erörtert worden. Es kann
als herrschende Ansicht in der heutigen Literatur gelten,
was Liszt in seinem Lehrbuch des deutschen Strafrechts
(§ 96) sagt: „Der Tote ist nicht mehr Rechtssubjekt: er
kann in seiner Ehre ebensowenig wie in seinem Leben ver-
letzt werden, da er jene ebensowenig mehr besitzt wie dieses."
Ich glaube, dieser Satz beruht auf einer petitio principii.
Denn freilich, wenn man vorwegnimmt, daß der Ver-
storbene kein Rechtssubjekt sei und deshalb kein Recht haben
könne, so ist es sicher, daß er auch kein Recht auf Ehre
haben kann. Richtig aber wäre, vorerst zu prüfen, ob das
Interesse des Menschen, in seiner Ehre nicht gekränkt zu
werden, nicht auch nach seinem Tode als schutzwürdiges
Interesse aufrecht verbleibe, und wenn wir diese Frage be-
LXVIII. 2. F. XXXII.

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